Max Reinhardt/Interview Fuhrich, Saval, Silhouette Wien 2015

Aus Dagmar Saval Wünsche

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Interview mit Frau Fuhrich und Frau Saval Wünsche

- Frau Fuhrich, Frau Saval, könnten Sie sich zuerst vorstellen und uns erklären, wann und wie Sie zu Max Reinhardt gekommen sind?


Fuhrich:
Nach dem Abschluß meines Studiums an der Universität Wien, Theaterwissenschaft, Alte und Neue Kunstgeschichte, Philosophie und einer kurzfristigen Tätigkeit an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften wurde ich 1968 von der Gesellschaft für Max Reinhardt Forschung (Trägerverein der 1966 in Salzburg gegründeten Max Reinhardt Forschungs- und Gedenkstätte) als zweite Mitarbeiterin berufen. Frau Dr. Gisela Prossnitz – sie führte die Forschungsstätte – und ich bildeten ein gleichberechtigtes Arbeitsteam, das für alle Ergebnisse verantwortlich war. 1994 – 2006 Wissenschaftliche Assistentin am Institut für Theater-Film-und Medienwissenschaft, Universität Wien.


Saval:
Promoviert in Kunstgeschichte und Romanischer Philologie, Philosophie, private musikalische Ausbildung, Ausbildung zum wissenschaftlichen Bibliothekar, ÖNB, Wien, danach Archivar, Akademie der Künste Berlin.
Bibliothekar und Archivar waren meine Brotberufe ; verheiratet war ich mit dem Maler Ralph Wünsche (1932-2004)


Silhouette

- Wie war das Reinhardt-Bild damals? War sein Schaffen überhaupt bekannt und wenn ja, wurden besondere Aspekte analysiert, andere weggelassen und welche? Oder war Reinhardt in Anbetracht der jüngsten Geschichte, des Nationalsozialismus und der Shoah eher Tabu, wurde er sozusagen totgeschwiegen? Wie hat die (Theater-) Wissenschaft über ihn gesprochen? Wurde sein Name in den Vorlesungen und Seminaren erwähnt? Und was war Ihnen, Frau Fuhrich als Studentin, damals bekannt? Und Ihnen, Frau Saval?
 
Anmerkung :
Die zusammenfassende Antwort von Frau Fuhrich zu den oben gestellten Fragen folgt unter dem nächsten Punkt.
 
Saval:
Retrospektiv – vor meiner Tätigkeit in der Österreichischen Nationalbibliothek/ÖNB - ab 1968, ist das für mich nicht mehr rekonstruierbar, nur soviel: Während meiner Tätigkeit in der Theatersammlung der ÖNB wurde ich beruflich mit dem Thema Max Reinhardt nahezu täglich konfrontiert, mußte mich damit auseinandersetzen; ähnlich verlief es dann während meiner Jahre im Archiv der Akademie der Künste, Berlin.



Silhouette

- Frau Fuhrich: Sie beschäftigen sich seit Ende der 1960er Jahre mit den Schriften und allgemein mit dem Schaffen Reinhardts, haben allein oder zusammen mit anderen (Frau Prossnitz vor allem) die Forschung über den Künstler mit ausschlaggebenden Werken vorangetrieben und sind weltweit eine, wenn nicht die Reinhardt-Spezialistin überhaupt.
            Könnten Sie uns die verschiedenen Etappen dieser jahrelangen Beschäftigung mit Reinhardt beschreiben?
            In welchem Zustand befand sich das Archiv, als Sie mit dessen wissenschaftlicher Erschließung beauftragt wurden? Wie sind Sie damals vorgegangen?
            In welchem Kontext haben Sie mit der Arbeit begonnen? Und wie sind Sie überhaupt vorgegangen?
            Wie würden Sie diese Arbeit in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren im Rahmen der europäischen und amerikanischen Reinhardt-Forschung charakterisieren?
            Und spielte die nationale Frage überhaupt eine Rolle, d.h. sollte der Künstler Reinhardt wieder ins österreichische Kulturgut integriert und als 'Aushängeschild' stilisiert werden? Oder war diese Frage überhaupt nicht von Belang?


Fuhrich:
Die von Ihnen gestellten Fragen  - das Reinhardt - Bild usw. bzw. Etappen unserer Reinhardt-Forschung - bedürften einer längeren Ausführung; ich werde mich daher auf ein paar skizzenhafte Hinweise beschränken.
Ab den 50er Jahren rückte Max Reinhardt wieder stärker in das Bewußtsein der Öffentlichkeit. Die Rückbenennung von Orten, die vor 1933 bzw. 1938 seinen Namen trugen, erinnerten wieder an ihn ebenso wie die zahlreichen Gedenkveranstaltungen.
In Memoiren und in Interviews berichteten seine  noch lebenden Künstler und ehemaligen Mitarbeiter über ihre Zusammenarbeit und Erfahrungen mit dem Theatermann.
Die ersten ausführlichen Publikationen zu seinem Leben und Werk erschienen:
1948 Benno Fleischmann, Max Reinhardt. Die Wiedererweckung des Barocktheaters, Wien, unternimmt in seinem Buch den Versuch einer ersten retrospektiven Werkbiographie.
1963 Franz Hadamowsky, Max Reinhardt. Briefe, ausgewählte Reden, Schriften und Szenen aus Regiebüchern, Wien, eine erste Dokumentation der Schriften Max Reinhardts.
1964 Gusti Adler, langjährige Sekretärin, engste Mitarbeiterin und Vertraute,  -
Max Reinhardt – Sein Leben, Salzburg, schrieb eine umfassende, sehr persönliche Reinhardtbiographie.
1968 erschien Band VIII der « Theatergeschichte Europas. Naturalismus und Impressionismus. Teil I » von Heinz Kindermann; eine wissenschaftliche Darstellung des Wirkens von Max Reinhardt im deutschsprachigen Raum. Es folgten Band IX (1970) und Band X (1974), die sich u.a. mit Reinhardts Einfluß auf die Theaterentwicklung in den übrigen europäischen Ländern auseinandersetzten.
1969 Heinrich Braulich, Theater zwischen Traum und Wirklichkeit, Berlin (Ost),  vom Institut Bereich Theaterwissenschaft, Humboldt-Universität,  verfaßte aus marxistischer Sicht (so der Klappentext) eine erste wissenschaftliche Abhandlung über das Theater von Max Reinhardt.
Weitere grundlegende Arbeiten zu Max Reinhardt folgten unmittelbar darauf; dazu kamen zahlreiche unselbstständig erschienene Publikationen.
Die Übergabe eines Teilnachlasses Max Reinhardt an die Theatersammlung der ÖNB durch Helene Thimig-Reinhardt 1953 sowie 1957 der Verkauf eines weiteren Teilnachlasses Max Reinhardt durch den Sohn Gottfried Reinhardt an die University of New York at Binghamton eröffneten der Forschung neue Möglichkeiten. Reinhardt wurde Gegenstand von Forschung und Lehre an den theaterwissenschaftlichen Instituten und anderer Disziplinen u.a. im Rahmen der Exilforschung.
Mitte der 60er Jahre wurden zwei Institutionen eingerichtet, die sich primär mit Max Reinhardts Leben und Werk beschäftigten: The Max Reinhardt Archive, State University of New York at Binghamton sowie die Max Reinhardt Forschungs – und Gedenkstätte in Salzburg (Stadt).
Die Max Reinhardt- Forschungs und Gedenkstätte besaß in ihren Anfängen weder ein Archiv, noch eine Sammlung zu Leben und Werk Max Reinhardt. – Wir, Frau Dr. Prossnitz und ich, haben beides aufgebaut. Was sich hinter den genannten fachlichen Definitionen verbirgt, dazu gibt Frau Saval eine genauere Erklärung.


Saval:
Ich möchte mich hier kurz einschalten, ein wenig « Fachchinesisch » zum Begriff « Archiv » und « Sammlung ».
Das Wort « Archivum » kommt ursprünglich aus dem Griechischen; damit bezeichnete man ein Amtsgebäude. Die Römer übernahmen – wie so manches andere auch – das Wort, und gaben ihm eine weitere Bedeutung: Aktenschrank. Wörter wandern, haben Eigenleben und heute versteht man unter dem Begriff Archiv ganz unterschiedliches: das Gebäude, den Inhalt, zunächst einmal nur Akten, Aktenbündel, später dann kamen die Personal - Nachlässe dazu, denen man ebenfalls den Zusatz « Archiv » gab.
Heute wird der Begriff leider etwas inflationär gebraucht; was immer wieder zu Mißverständnissen und Mißdeutungen führt.
Streng archivarisch definiert: die im - allgemeinen schriftlichen - Personalbestände, ein Personal- Gesamtnachlaß oder Teilnachlaß, werden als Archiv bezeichnet; er besteht in der Regel aus  Primärmaterialien sowie begleitendem Material zu Leben und Werk des Bestandsbildners/d.i. der Nachlasser/.
Sammlung bezeichnet (archivarisch) einen in der Regel heterogen zusammengesetzten Materialbestand, der – oft apokryph – zusammengetragen wurde, nicht forcement personalgebunden ist – Sammlungen können auch zu Epochen, Themen entstehen.  


Fuhrich:
Wir waren – nomen es omen – eine Forschungs- und Gedenkstätte, führten offiziell nie den Namen « Archiv ». Aus finanziellen Gründen war es uns nicht möglich größere Konvolute von Primärmaterialien zu erwerben; das Originalmaterial beträgt ungefähr 10% des Gesamtbestandes, alles andere sind Kopien aus unterschiedlichsten Provenienzen.
Ich verwende für die Materialien, die in der Max Reinhardt Forschung - und Gedenkstätte, Salzburg gesammelt wurden die Bezeichnung « Sammlung » :
Sammlungsschwerpunkt ist Max Reinhardt, Leben und Werk; Material meist in Kopie sowie weiteres Dokumentarmaterial von und zu anderen Künstlern aus dem Umkreis von Max Reinhardt.
Der Aufbau der Sammlung erfolgte nach mehreren, sich gegenseitig ergänzenden Gesichts-punkten und Arbeitsschritten.
Das waren: Kontaktaufnahme mit Archiven, Sammlungen, Museen, Privatpersonen usw., die Material von und über Max Reinhardt besitzen, verbunden mit der Bitte um Kopien oder Photos.
Ausstellungen in der Forschungsstätte und auf Anfrage an vielen Orten in Österreich und dem europäischen Raum.
Wanderausstellungen durch mehrere Länder, die von den Gastgebern zusätzlich mit Material aus eigenen Beständen angereichert wurden.
Kataloge, kleinere und größere Publikationen, Vorträge, Vorlesungen usw. machten eine umfangreiche Materialrecherche nötig, boten die Gelegenheit die Bestände der genannten Institutionen kennenzulernen.
Tagungen als Treffpunkte mit Kollegen zu Gedanken – und Materialaustausch.
Betreuung der Studierenden, der Forscher und auch der Theaterpraktiker, von denen einige immer wieder Interesse zeigten, die Theaterarbeit Max Reinhardts kennenlernen wollten.
Ankäufe von Originalmaterial, wenn auch nur in geringem Ausmaß.
Begegnungen, Gespräche mit noch lebenden Künstlern und Mitarbeitern aus dem engeren und weiteren Umkreis Max Reinhardt im Sinne der « oral history ».
Bis zur Schließung der Max Reinhardt Forschungs - und Gedenkstätte in Salzburg, 1994, fokussierte sich das zentrale Anliegen auf Max Reinhardt, sein Werk, sein Umfeld und sein Leben.
An dieser Stelle möchte ich die immer wiederkehrende Frage nach einer Option Reinhardts als « Österreichisches Kulturgut » mit einen Zitat von Gottfried Reinhardt beantworten :
« … Das Leben meines Vaters hatte viele Wurzeln und zählte mehrere Heimaten  … Alle diese Orte haben ein entscheidendes Recht und eine gewisse Verpflichtung seiner zu gedenken. … « 


Silhouette:

- Frau Saval: Ist Ihre Beschäftigung mit Reinhardt auf Ihre Arbeit im Archiv der Akademie der Künste in Berlin  zurückzuführen?
 
Saval:
Wie bereits oben erwähnt, beginnt meine wissenschaftliche, bibliothekarische, archivarische Beschäftigung mit Max Reinhardt 1968 mit meiner Arbeit in der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (heute Theatermuseum). Die Akademie der Künste, Berlin folgt 1976.
Es war zu Beginn meiner Tätigkeit an der Theatersammlung der ÖNB; locker formuliert, es war der erste Nachlaß, den ich zu bearbeiten bekam. Einschränkend muß ich hinzufügen, da die Bestände der Theatersammlung/Theatermuseum historisch bedingt - materialbezogen –  bearbeitet werden, hatte ich anfangs aus dem Bestand Reinhardt die Bühnenbilder, Kostümentwürfe, Theaterzettel zu bearbeiten – neben meinen anderen Arbeiten an der Theatersammlung. Wenn ich mich richtig zurückerinnere, war es kurz vor meinem  endgültigen Weggang nach Berlin, 1974, daß ich einen Gedenkraum Max Reinhardt eingerichtet habe.
 
Silhouette:
            Können Sie uns erklären, wie das Max-Reinhardt-Archiv dort entstand und ob und wie sich die Teilung der Stadt auf die Konstituierung der verschiedenen Bestände auswirkte?
 
Saval: 
Das Archiv der Akademie der Künste, Berlin hat KEIN Max –Reinhardt- Archiv; es ist eine apokryph erstellte Sammlung Max - Reinhardt. Dazu möchte ich auf den Artikel meines Nachfolgekollegen im Archiv der Akademie der Künste, Herrn Stefan Dörschel verweisen.
1976 wurde ich damit beauftragt  im Rahmen des DFG Projektes zur « Erschließung der Quellen des Exils 1933-1945 » an der Nachlaßbearbeitung im Archiv der Akademie der Künste mitzuarbeiten.
Sie fragen danach ob sich die Teilung der Stadt auf die Konstituierung der Bestände ausgewirkt habe ?
Aus der Sicht von 2015 ist das Geschichte, eigentlich bin ich ja schon fast so etwas wie ein Zeitzeuge, auch befangen. – Es gibt inzwischen unterschiedlich positionierte historische Darstellungen, - ich möchte den Rahmen des Interviews mit meiner Sicht des Erlebten nicht sprengen. Allein die Schilderung des täglichen Miteinander in der geteilten Stadt einem heutigen Leser einigermaßen transparent und verständlich zu beschreiben, ist in kurzgefaßter Form kaum möglich. Manche Vorgänge, Tatsachen usw. reichten bis hinein in einzelne Arbeitsabläufe –  vieles grenzte oft ans Skurrile -, klingt heutigen Ohren wahrscheinlich sogar grotesk, und war trotzdem Alltag, unser Alltag in der geteilten Stadt, im Westen wie im Osten Berlins; in alles und jedes spielte die Politk hinein ... bis zum Tag des « Mauerfalls » am 9.November 1989 und eigentlich noch weit darüber hinaus.
Um die Frage nach der « Konstitutierung der Bestände » einigermaßen transparent zu beantworten: Die meisten Institutionen in Berlin waren « doppelte » - und entwickelten nach der Teilung der Stadt, insbesondere seit dem 13. August 1961 (Tag des Mauerbau) ihr eigenes institutionelles Leben – was dann in den Jahren nach Wiedervereinigung zu einigen Problemen führte sowie zu mitunter tiefgreifenden institutionellen Umstrukturierungen.  
Das bedeutet in der Forschungspraxis, Recherche etc. heute: Quellenangaben nicht nur einfach übernehmen, sondern grundsätzlich zu prüfen, zu revidieren. 
 
Silhouette:
Hatten Sie Kontakt mit Hugo Fetting, der in den 1980er Jahren in Ost-Berlin einen Sammelband mit Reinhardts Schriften herausgab?


Saval :
Der Sammelband von Fetting « Ich bin nichts als ein Theatermann » erschien erstmals 1974, unter dem Titel:
Schriften, Briefe, Reden, Aufsätze, Interviews, Gespräche, Auszüge aus Regiebüchern. Berlin, Henschel/ Verlag Kunst und Gesellschaft, 1974. 528 Seiten, m. s/w Abb.
Die später erschienenen Bände sind Erweiterungen, Korrekturen der genannten Erstpublikation.
Zu Hugo Fetting hatte ich keinen Kontakt, denn für seine Publikationen « Max Reinhardt » erhielt er das Material aus anderen Quellen.
Lassen Sie mich es allgemein formulieren: Es gab andere Wege für die wissenschaftlich Tätigen (aus dem Ostteil der Stadt, der DDR usw.)  an Material aus Beständen zu kommen, die sich im Westen, jenseits der Mauer, - des sozialistischen Einflußbereichs - befanden. Im konkreten Fall: Das meiste Material hat Fetting ohnedies aus Wien, der Max Reinhardt Forschung - und Gedenkstätte Salzburg und Binghamton erhalten, bzw. durch  kollegiale Hilfe aus bereits gedruckten Publikationen via Kopie .


Silhouette:

War Ihnen die Arbeit von Herrn Huesmann bekannt?
 
Saval :
Herrn Huesmann kannte ich seit er mit seinen Recherchen für die Publikation « Welttheater Reinhardt » in der Theatersammlung der ÖNB begonnen hat. Das dürfte so um 1970 gewesen sein.
 
            Wie waren die Verhältnisse mit Wien und Salzburg? Haben Sie z.B. Frau Fuhrich über Max Reinhardt kennengelernt?
 
Saval :
Darf  ich die Gegenfrage stellen : Verhältnisse mit Wien und Salzburg, ist damit eine Beziehung zum Archiv der Akademie der Künste, Berlin gemeint ? – wenn ja, dann war es das ganz normale kollegiale Verhältnis unter Institutionen einerseits, erleichtert dadurch, daß Frau Fuhrich und ich uns seit – ja seit wann genau eigentlich ? – kannten und so manchen « Strauß » um Max Reinhardt, gebunden und ungebunden, ausgefochten haben.


  Silhouette:
- Überhaupt können Sie uns beide erklären, wie die Verhältnisse zwischen den verschiedenen Archiven in Europa und Amerika waren, ob es regen Kontakt gab, oder jeder/jede sozusagen für sich arbeitete?
 
Fuhrich:
Wie ich schon erwähnt habe, war die Kommunikation zwischen Salzburg und anderen Institutionen resp. Personen, die sich mit Reinhardt beschäftigen, sehr gut. Österreich hat den Vorteil dank der Neutralitätserklärung von 1955 (Staatsvertrag) mit alle Seiten problemlos kommunizieren zu können. Ich möchte dazu Beispiele anführen.
Im Jubiläumsjahr 1973 /100. Geburtstag von Max Reinhardt/ veranstaltete die Stadt Salzburg eine Tagung mit über 50 Teilnehmern aus verschiedenen europäischen Ländern; auch die aus dem ehemaligen Ostblock eingeladenen Wissenschaftler reisten dazu an. Am Tagungstisch saßen sich Wissenschaftler auch aus der UdSSR und den USA gegenüber. Der rege Meinungsaustausch setzte sich in der Folge zwischen den einzelnen Fachleuten fort, die Ergebnisse sind im Band « Max Reinhardt in Europa, 1973 » nachzulesen.
Ab 1993, dem 50. Todestag von Max Reinhardt, wurde eine Wanderausstellung « Max Reinhardt. Die Träume des Magiers » in vielen Städten Europas, in den USA gezeigt; die Ausstellung in  Israel/Tel Aviv fand unter höchster protokollarischer Beteiligung statt. An allen Gastspielorten der Ausstellung beteiligten sich die lokalen Reinhardtspezialisten.   


Saval:
Allgemein formuliert aus der Sicht der Archivtätigkeit: kollegialer Informationsaustausch, wissenschaftliche Beratung, bis zum 9. November 1989, die Nacht in der sich die Berliner Mauer öffnete, der Ostblock in sich zusammenbrach, war der gegenseitige Umgang mit Archiven im Ostblock, gelegentlich etwas schwierig, aber es funktionierte (irgendwie). Ich erinnere daran, daß Westberlin aus der Sicht des Ostblocks eine selbstständige politische Einheit war, während der Westen, allen voran die Bundesrepublik Deutschland, (von der DDR immer als BRD bezeichnet), Berlin als Teil der Bundesrepublik Deutschland definierte – daraus folgte ein ständige, latent vorhandene poltische Spannung. Das gehörte eben zum Arbeitsalltag. Archivtagungen waren ein weiterer Ort der Begegnung und des Austausches. Wissenschaftliche Beratung war Arbeitsalltag
Silhouette:
- Wie analysieren Sie die Entwicklung der Reinhardt-Forschung seit den 1960er Jahren?
 
Fuhrich :
Im Hinblick darauf, daß die Max Reinhardt-Forschung selbstverständlich im Kontext mit zeitbedingten Veränderungen des kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Umfelds zu sehen ist, eben so wie unter der Berücksichtigung ständig sich ändernder Wissenschaftsbegriffe sowie methodischer Zugänge, läßt sich im Rahmen dieses Interviews eine genauere Analyse über einen Zeitraum von fast 60 Jahren nicht wirklich erstellen.


Silhouette:

- Sie haben beide in den letzten Monaten aktiv in verschiedenen Reinhardt-Archiven gearbeitet. In welchen? Und warum und wie? 
 
Fuhrich:
Am Anfang stand die Überlegung, das weit verstreute Quellenmaterial von und zu Max Reinhardt digital zu erfassen und zu dokumentieren, damit endlich ein rascherer, unkomplizierter Zugriff möglich wäre.
Unsere bisherigen Ergebnisse basieren auf meinen Aufzeichnungen über die Bestände in den einschlägigen Archiven, Sammlungen etc. und in Privatbesitz, die ich während meiner Arbeitszeit angelegt habe; weiters Angaben, die aus der Reinhardt-Literatur stammen.


Saval:
Vielleicht sollte ich es so formulieren – langjährige Berufserfahrung, der nahezu ununterbrochene Umgang mit dem Thema – Berlin, Wien, Theater, Musik, Literatur, Kulturleben vor, um, nach 1900 - … dazu meine Kontakte, die durch meine Tätigkeit in der Akademie der Künste, Berlin möglich waren, haben ein Arbeiten in Archiven nicht erfordert. Ich habe einfach langjähriges Wissen, meine Erfahrungen notiert, formuliert und durch praktische Angaben, wie Bibliotheksstandorte, Archive, gelegentlich auch Querverbindungen – heute nennt man dies Netzwerke - und historische Angaben abgerundet. Dahinter steht der Gedanke, dieses Wissen sollte nicht mit mir verlorengehen.


Silhouette:
 
- Was schätzen Sie ganz besonders an Reinhardts Schaffen? Und überhaupt am Künstler?


Fuhrich:
Durch meine langjährige intensive Beschäftigung mit Werk, Wirkung und der Person Max Reinhardt läßt sich diese Frage so leicht nicht beantworten ohne auf Schlagworte zurückgreifen zu müssen. Was ich an ihm schätze sind die Intensität des Beobachtens, seine Neugierde, der Reichtum seiner Vorstellungen, und ungebrochen bis zuletzt, seine Überzeugungskraft und Menschenkenntnis.
Meine Sicht auf Reinhardt ist einerseits von einer großen Nähe, andrerseits auch von kritischer Auseinandersetzung geprägt.
 
Saval:
 Ich liebe und bewundere – wenn ich auf diese Frage denn antworten soll – Menschen, Künstler, die sich in kein Korsett zwingen lassen  - die aus dem «  Stoff sind, aus dem die Träume sind ».
Silhouette:
 
            Welche Rolle spielt z.B. die Musik für Sie, Frau Saval, in Ihrem Umgang mit Reinhardt? Er hat nämlich fortwährend mit Komponisten gearbeitet und diesem Aspekt besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Wie würden Sie diese Zusammenarbeit bezeichnen und die Rolle der Musik analysieren?
 
Saval:
Auf diese Frage zu antworten fällt mir ausgesprochen schwer, denn ich habe mich noch nie damit beschäftigt, welche Rolle Musik für mich spielt – sie gehört einfach zu mir …
und für das Theater von Max Reinhardt spielt Musik nicht nur als Bühnenmusik im landläufigen Sinn des Wortes eine Rolle.
Er liest einen Text wie ein Musiker, ein Dirigent  - wäre wohl die bessere Definition - eine Partitur – spürt Zusammenhänge auf, sucht Themen, die Modulationen …
szenische Abläufe entwickeln sich vergleichbar musikalischen Sequenzen.


Silhouette:

            Frau Fuhrich, Sie sagten mir, Sie interessierten jetzt mehr für die Brüche in seinem Schaffen als für die Entwicklungslinien. Können Sie das genauer erklären und Beispiele angeben?
 
Fuhrich:
Bruchstellen und/oder Widersprüche kennzeichnen Reinhardts Lebensweg und künstlerische Entwicklung. Sie sind ablesbar, können konträr und komplementär zugleich sein.
Die äußeren Bruchstellen setzen Zeichen in seiner Arbeit, sind oft bestimmt von Orten oder Zeitumständen; z.B. Kammerspiele und Großraum, Klassik und Gegenwartstheater, Wiederbelebung alter Spielformen; eine große Bandbreite von Orten wie Berlin – Wien – Salzburg – Amerika ; eine noch größere Bandbreite von an den Ergebnissen beteiligten Mitwirkenden. Dies alles steht immer wieder im Mittelpunkt der Betrachtungen seines Lebenswerks.
Die inneren Bruchstellen wurzeln in seinem persönlichen Erleben, den gesammelten Erfahrungen und dem Versuch diese aufzuarbeiten. Hier ist für künftige Forschungen besondere Behutsamkeit gefordert, denn der Mensch Max Reinhardt ist bisher eher unerkannt; beispielsweise sind es seine Texte, die einen Zugang öffnen.


Silhouette:

- Möchten Sie selbst etwas hinzufügen, einen besonderen Aspekt behandeln?
 
Fuhrich:
Man könnte einiges nennen, das in der bisherigen Reinhardtforschung unberücksichtigt blieb, bzw. nur angedeutet wurde. Meist ist unser Wissen über größere und kleinere Abschnitte oder Zusammenhänge in Reinhardts Schaffen nur auf bereits Bekanntes gerichtet und bedürfte dringend einer weiteren Vertiefung in die Materie wie Frau Saval an einem Beispiel ausführt.
 
Saval:
Es gibt so manchen « weißen »Fleck in der Werkbiographie und Biographie Reinhardt, ein kleines aper,cu: 


Die frühen Jahre Reinhardts in Berlin 1894 – 1905. Geprägt von vielfältigen, unterschiedlichen Verflechtungen, die es erst möglich gemacht haben, daß ein zwar begabter und auch guter Schauspieler, aber ohne jegliche materielle Resourcen quasi aus dem Nichts kommend, in kürzester Zeit wie im Schneeballsystem Theater pachtet, kauft und erfolgreich leitet.
Natürlich sind einige Geldgebernamen bekannt, aber diese sind frei nach Goethe und Reinhardt « Schall und Rauch », wer waren die Geldgeber wirklich und welche Rolle spielten sie in Leben und Werk Max Reinhardt ? Der Blick hinter die Kulissen ist vielversprechend, spannend. Viel Zeitgeschichte, Gesellschaftsgeschichte, auch ein Teil der Geschichte der Assimilation der jüdischen Berliner. Reinhardt verfügte sehr früh über ein umfangreiches Netz gesellschaftlicher Verbindungen, sein Netzwerk – in Wien UND Berlin. Das Wer mit Wem und Wann weitgehend unbeachtet bis heute, eine mühsame Suche, aber spannend und lohnend.
Bestandteil dieses Kontextes, besser nicht davon zu trennen: Der Geschäftsmann Reinhardt, eigentlich sind es die Brüder Edmund und Max, sich mit diesem Phänomen der beiden Brüder auseinanderzusetzen,  mit dem Weg vom Erfolg 1905 bis zur Auflösung seines Theaterimperiums 1933 resp. 1938.
Die Liste der Themen ließe sich fortsetzen.


Silhouette:

Fr'au Fuhrich, Frau Saval, ich bedanke mich sehr für das Gespräch und die Zusammenarbeit.
 
Wien, Februar 2015