Hermann Scherchen dirigiert Gustav Mahler

NIEMAND KONNTE SICH DIESER MUSIK ENTZIEHEN …

Hermann Scherchen dirigiert Gustav Mahler

 ' 

EINLEITUNG

 

„Niemand konnte sich dieser Musik entziehen…“ . Hermann Scherchen, gerade 15 Jahre alt, Sohn eines Kreuzberger Gastwirts, so beschreibt er es in seinen Erinnerungen „ Ma première Vie“, wie er an schönen Tagen vor der väterlichen Kneipe saß, die Partitur einer Mahler-Symphonie ausgebreitet auf seinen Knieen, mühsam irgendwoher erworben, er anfing diese Partitur zu entziffern, zu studieren.

Für die Uraufführung der „Symphonie der Tausend“, seiner VIII. Symphonie, Es-Dur, forderte der Komponist Gustav Mahler zusätzlich zu den acht Gesangssolisten, mehrere Chöre, erweiterte Orchesterbesetzung, Zusatzorchester. Das trug der Symphonie ihren Namen ein, sie wurde zur „Symphonie der Tausend“.

München, September 1910: Orchester-Proben in der Neuen Musik Festhalle in München, dabei das Blüthner-Orchester aus Berlin unter der Leitung von Georg Göhler. An einem Pult der Bratschisten saß ein knapp 20-jähriger Musiker aus Berlin-Kreuzberg, Hermann Scherchen.

Die Faszination, die nahezu magische Wirkung, die der Kosmos Mahler auf den damals 20-jährigen Musiker ausübte, wurde zum lebenslangen Engagement für die Musik Mahlers.

1933: Hermann Scherchen geht ins Exil.

Mit dem Ende des 2.Weltkriegs, 1945 erging es ihm wie vielen anderen Künstlern, die das III. Reich in die Emigration gezwungen hatte, er konnte an einmal erreichte Erfolge und Bekanntheit nicht mehr anknüpfen.  So geriet – nicht nur, aber auch, sein großes Engagement für das Werk von Gustav Mahler – nahezu in Vergessenheit.

Ich möchte mit meinem Text über „Hermann Scherchen und Gustav Mahler“, in nuce entstanden schon während meiner Arbeit am Nachlaß des Dirigenten, erzählen, berichten; vielleicht auch zur weiteren Auseinandersetzung mit diesem nicht unumstrittenen Künstler anregen.

… Hermann Scherchen war ein Förderer , ein Fordernder und ein Forscher.

Er förderte mehrere Generationen der komponierenden Avantgarde, er forderte von allen, … Klarheit über das, was sie tun, und er forschte in allen Bereichen der Musik.

Er war jedem akustischen Erleben auf der Spur und wirkte jeder gemütlichen Behäbigkeit mit seiner unbequemen Unerbittlichkeit entgegen. …

Mit diesen Worten eröffnete der Komponist Giselher Klebe (1925 – 2009), Präsident der Akademie der Künste, Berlin von 1986 – 1989,

die Ausstellung „Hermann Scherchen. Musiker, 1891 – 1966“  im September 1986 in der Akademie der Künste, Berlin. Mit dieser Ausstellung und der sie begleitenden Publikation wurde der Nachlaß Hermann Scherchen der Öffentlichkeit vorgestellt und allgemein zugänglich gemacht. 1)

1974 hatte das Archiv der Akademie der Künste, Berlin den Nachlaß Hermann Scherchen übernommen; der Komponist Luigi Nono, ehemals Schüler von Scherchen und Hans Ulrich Schmückle, der als Bühnenbildner mit Scherchen zusammengearbeitet hatte, waren die Initiatoren, daß der Nachlaß der Akademie der Künste übergeben wurde. 2)

Mit der Ausstellung, mit dem Katalog begann die bis dahin kaum als nennenswert zu bezeichnende Auseinandersetzung mit der Person und dem Musiker, mit der Werkbiographie des Dirigenten. Es gibt viele Unschärfen, bedingt durch eine historisch begründete prekäre Quellenlage.  Möglich, daß auch darin die Ursache zu suchen ist, daß Scherchen um René Trémine zu zitieren, „The best known anknown!“ ist  – immer noch?  3)

Folgt man den biographischen Daten des Musikers Hermann Scherchen bestimmen drei Zäsuren Leben und Werk:

Die erste Zäsur setzt das Jahr 1933 mit seinen politischen Umwälzungen in Deutschland, Hitler und die Nationalsozialisten kommen an die Macht: Hermann Scherchen verläßt Deutschland, - aus politischen wie aus künstlerischen Gründen.

Die zweite Zäsur: 1933 – 1945, die Jahre der „Diktatur des Hausknechts“ (Alfred Kerr) – der Aktionsradius des Musikers verengt sich in dem Maße, wie die Nationalsozialisten und der Krieg Europa überrollen. Scherchen wählte als Wohnsitzland die Schweiz.

Die dritte Zäsur: 1945 - 1966.  Nach Kriegsende bleibt die Schweiz Wohnsitzland. Scherchen nimmt seinen weitreichenden künstlerischen Aktionsradius wieder auf.

  

 BERLIN - Anfänge

Hermann Scherchen, geboren in Berlin am 21. Juni 1891, als Sohn eines Gastwirts in Kreuzberg; er lernte erst Geige, dann Bratsche. Sehr bald folgten erste Engagements in den Kiez- Kneipen, die väterliche Kneipe wirft nicht genug ab für die Familie, der Sohn muß mithelfen die Familie zu ernähren.

1906 erschien die Partitur der 6. Mahler, die sich Scherchen sofort kauft und:

…Ich sehe mich immer noch, wie ich vor unserer Kneipe in der Kurfürstenstraße auf einem Stuhl saß … und solange die Sonne schien, die Partitur studierte … nach ungefähr dreieinhalb Wochen konnte ich diese ganze Mahler-Sinfonie auswendig …

„… Ich arbeitete (…) Ich sage: arbeitete, weil ich nie nur die Partitur gelesen, sondern auch gehört habe. …

… und dann kam kurz danach (nach einer 7. Beethoven dirigiert von Oskar Fried)  als zweites ganz großes Ereignis die „Siebente“ Mahler zum ersten Mal in Berlin. 4)

In dem autobiographischen Fragment „ Mein erstes Leben“ 5) beschreibt Scherchen dieses Studium der Partitur genauer:

und beginne das Studium, NUR aus innerer Klangvorstellung heraus (d.h. ohne jede Zuhilfenahme eines Instrumentes). Eine halbe Stunde benötige ich, bis alle Noten des ersten Taktes als Tonhöhe, Akkordteil, Melodiewert, Klangfarbe und Dynamik klar in mir tönen und sich zum Klangganzen des Orchesters verweben  - danach BESITZE ich diesen Takt in vollkommener Imagination. Die zweite Bemühung beansprucht danach nur noch 29 1/2 Minuten, die dritte 29  … . Ich „lese“ nicht (wie es selbstbetrügerisch immer wieder von Partiturkennern heißt), sondern HÖRE in kompromißlos strengem Studium, wie sich das Noten-BILD überwältigend in Klang umwandelt. Nach drei bis 4 Wochen habe ich die Symphonie SO erarbeitet, d.h. sie beginnt nun OHNE NOTENBILD aus mir heraus zu tönen  … .

Scherchen reflektiert auch die Gedankenwelt, die sich in und hinter den Noten verbirgt:

… Noch kann ich die edle Melodik von Mozarts Streichdivertimento in Es-Dur nicht in Beziehung bringen zu Mahlers Dostojewski-Menschentum, um das ich schon weiß, das ich aber noch nicht zur Einheit der Musik zusammenzubinden vermag mit Mozarts Freimaurer-Frömmigkeit. …

Diese letzten Sätze Scherchens sind noch sehr dem musikalisches Denken der Spätromantik verhaftet; in der Diktion durchaus vertretbar, aber gedanklich  folgt er mit dieser Einschätzung des Komponisten Mozart den Fehlinterpretationen, den Fehlurteilen des 19.Jh.; das romantische 19.Jh, bezog sein musikalisches Kunstverständnis weitgehend auf Beethoven,  nahezu alle musikalischen Wertungen begannen und endeten bei Beethoven!  Mit fatalen Folgen, nicht nur für den Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart.

Bis diese Fehleinschätzungen über Mozart und seine Kompositionen  ausgeräumt sein werden, wird nahezu ein weiteres Jahrhundert vergehen müssen. Wer also will es einem jungen Mann von 15 Jahren in Berlin-Kreuzberg ankreiden, landläufige musikalische Einordnungen zu übernehmen. 

1907, im Gründungsjahr des Blüthner-Orchesters wurde Hermann Scherchen als Bratschist ins Orchester engagiert. Das Orchester gastierte viel auch außerhalb von Berlin. 6)

Scherchen über Georg Göhler:

… Beethoven, Mozart bis Mahler habe ich mit in den schönsten Aufführungen durch ihn erlebt. Leider ging seine Fähigkeit sich mit der Zeit selbst auseinanderzusetzen, gerade nur bis zum jungen Richard Strauss … Göhler aber war ein begeisterter Mahler-Anhänger – eigentlich sehr verwunderlich, wenn er (den späteren , Anm.d.A.) Strauss ablehnte. Bei ihm spielten aber tatsächlich ethische Gesichtspunkte mit hinein. Er fand Strauss einen leichtfertigen, oberflächlichen, genialischen Musiker und Mahler einen ganz tief philosophischen und ethisch überbetonten, den man nicht genug in den Vordergrund stellen könne. Deshalb lehnte er über den ‚Don Juan‘ hinaus den ganzen späteren Strauss ab. Ihm verdanke ich die Bekanntschaft mit Mahler, mit der achten Mahler-Sinfonie. Ich glaube, es war 1910, ich kam wieder ins Blüthner-Orchester zurück – ich hatte anderswo im Café gespielt (Schicksal arbeitsloser Musiker mit Saisonverträgen, Anm. des Autor). Gustav Mahler brauchte für die Münchner Uraufführung (…) 250 oder 300 Mann Orchester und stellte mehrere Chöre zusammen (…) damals stellte der Kern dieser ganzen Chöre der wunderbare Riedelsche Gesangsverein unter Göhler. Und Göhler hatte auch die Einstudierung des Werkes im ganzen chorischen Teil und mit den Solisten übernommen ( …) und ich saß im Orchester und konnte nicht mehr spielen und zitterte bei dieser unerhörten Verdichtung von Ausdruckswollen, die diese Musik gestaltete. …  7)

1912 lernte er Arnold Schönberg kennen  und dirigierte einige Aufführungen der Uraufführungstournee des „Pierrot Lunaire“, Oktober, November 1912. 8)

1913 organisierte und dirigierte Scherchen eine Privataufführung der 1.Kammersymphonie von Schönberg.

Das erste öffentliche Auftreten als Dirigent mit dem Blüthner-Orchester war  am 4. Februar 1914:

Das Programm: 1. Kammersymphonie von Arnold Schönberg, 5. Symphonie von Gustav Mahler. Scherchen beschreibt es als sein zweites Konzert in seinen Erinnerungen:

„ … Mein zweites Konzert fand im Jahr darauf statt, ebenfalls in Berlin, in der Singakademie (heute Maxim-Gorki Theater, Anm. d. Aut.). Programm: Schönberg ‚Kammersinfonie‘, öffentlich, die erste öffentliche Aufführung in Berlin, und daran anschließend Gustav Mahler, Fünfte Sinfonie in der neuen Ausgabe, in der neuen Instrumentation. Dieses Konzert führte zu einem großen Skandal. Und zu einer unerhörten Begeisterung. Viele Leute, die wüste demonstrierten, vielleicht noch mehr gegen den Mahler als gegen den Schönberg. Hier waren offensichtlich auch schon antisemitische Tendenzen dabei. …“ 9)

 Sommer 1914, Scherchen hat sein erstes Engagement in Dubbeln, Lettland angetreten; dort überraschte ihn der Ausbruch des Ersten Weltkriegs; er wird als Kriegsgefangener nach Rußland gebracht. Nach anfänglicher Odyssee der Kriegsgefangenen wurde Scherchen bis 1917/18  in Watkja untergebracht; er entfaltete in der kleinen Kreisstadt am Ural eine umfangreiche und rege Tätigkeit.  10)

Diese vier Jahre Kriegsgefangenschaft sind für Scherchen keine verlorenen Jahre: er unterrichtete, u.a. deutsch, später gründete er einen Chor, ein Orchester, komponierte, lernte russisch, beschäftigte sich intensiv mit der Gedankenwelt der russischen Revolution – das sollte ihm später das Etikett des „roten“ Scherchen eintragen. In diesen vier Jahren bildete sich das Fundament seiner späteren künstlerischen Tätigkeit heraus – und es zeigte sich seine durch nichts zu bremsende rastlose Arbeitsenergie, das unaufhörliche Suchen nach neuen Herausforderungen. 

Heimkehr 1918 nach Berlin, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen spielte er wieder im Orchester, als Bratschist.


 Dirigieren, Lehren, Forschen 1920 – 1933

 '' 

Hermann Scherchen übersiedelt 1920 nach Leipzig, nachdem er ein Engagement als Dirigent des Grotrian-Steinweg-Orchesters, Leipzig angenommen hatte; dieses Engagement bot ihm – endlich – die Möglichkeit, seine in Rußland gewonnenen Erkenntnisse als Orchestererzieher auszuprobieren. 11)

Auf Leipzig folgte Frankfurt/M., die Museums-Konzerte, 1922 -1924,  dann Königsberg,  O(stmarken) R(undfunk)AG 1928 -1932,  dazu kamen Chorleitung und  Dirigate usw. 12)

1922 wurde er ständiger Gastdirigent für das Stadtorchester Winterthur. Diese Verpflichtung endete 1950 mit seiner Entlassung wegen des Verdachts  kommunistischer Umtriebe. 13)

Scherchen, der Autodidakt, hatte einen ausgeprägten Zug zum Lehren, Lernen, Erfinden. Verfolgt man die Lebenslinien des Musikers, gewinnt man den Eindruck, daß diese Facetten seiner Begabung ihm oft wesentlicher waren als das praktische Musizieren, das Dirigieren. Der Didaktiker Scherchen plante Arbeitstagungen, Orchestergründungen, publiziert, hält Vorträge, betreibt Forschung für alte (damals) vergessene Musik, arbeitete für das neue Medium Rundfunk.

Im November 1932 dirigierte Hermann Scherchen Konzerte in München, aus Anlaß der „ Münchner Woche“ am 22. und 24. November; er erinnert sich:

… Inzwischen fing jene politische Entwicklung an, die die Jahre von 1933 an gekennzeichnet hat und die ich selbst im Ausland erlebte. ... dann kam mein letztes Konzert im Dezember 1932 in München. … Es war ein unerhörter Triumph für alle Werke: die Erste Sinfonie von Honegger, von Reger, glaube ich, die ‚Romantische Suite‘ und von Mahler das Adagio aus der Zehnten Sinfonie. …  14)

  Es war Scherchens letztes Konzert in Deutschland bis nach Kriegsende.  

Scherchen fährt fort in seinen Erinnerungen  an das Jahr 1932/33:

 … Vorher hatte ich das große Glück zum erstenmal das musikalische Wien zu erleben. Das kam so: Ich war nach Wien eingeladen worden, die neunte Mahler- Sinfonie für den Rundfunk aufzunehmen.  … Bei der ersten Probe erschien plötzlich eine Schar von Jünglingen und jungen Mädchen feierlich mit einem Fürsprecher. Sie fragten mich, ob ich erlauben würde, daß sie der Probe beiwohnen . … Sie seien Schüler von Webern und von Berg, und es sei für sie sehr wichtig, die Arbeit an der „Neunten“ Mahler zu erleben …

Nach dieser Begegnung entstand das Orchesterstudio Wien; es folgte das Konzert am 31.Januar 1933 im Wiener Konzerthaus.  15)

Scherchen wählte die Schweiz als Exil-Land; bis zum Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September 1939 war er als Reisedirigent unterwegs, ausgenommen war Deutschland. 1939 dirigierte er in Athen und in Palästina, organisierte in Straßburg und Brüssel Arbeitstagungen,  bis kriegsbedingt der Radius sich ausschließlich auf die Schweiz einengte.  16)

1935 kommt es zur Gründung des Verlags „Ars viva“ in Brüssel, das Verlagsprogramm verzeichnet die geplanten und auch teilweise realisierten Publikationen alter und neuer Musik. 17)als begleitende Publikation erscheint die Zeitschrift „Musica Viva“, die allerdinges (Geldmangel!) nach drei Nummern, 1937 wieder eingestellt wird.

Nach Kriegsende wird mit einem etwas veränderten Namen „ Ars Viva“ ein neuer Verlag, 1949, in Zürich gegründet; aber wie viele Initiativen dieser Art von Scherchen, endeten diese Projekte  entweder durch Kapitalmangel oder wurden von anderen Verlagen übernommen.

1940 – 1944 leitete er in Bern eine Dirigentenklasse, gab Kurse für Instrumentation und Interpretation am Konservatorium in Bern, veranstaltete Ferienkurse,  - eine Unterbrechung seiner intensiven Tätigkeit bedeuten die Kriegsjahre keineswegs, bestenfalls eine geographische Einengung.

1944 bekommt er Kontakt zur S(chweizerischen) R(undspruch)G(esellschaft).

1945 Übersiedlung nach Zürich; Radio Beromünster engagiert Scherchen als Dirigent für das Orchester des Senders. Radio Beromünster ist der deutschsprachige Sender der S(chweizerischen) R(undspruch)G(esellschaft) mit Studios in Basel, Bern und Zürich.

Mit Kriegsende nahm Scherchen seine umfassende Reisetätigkeit als Dirigent und Lehrender wieder auf, in Ankara, Chile, bei den Darmstädter Ferienkursen 18),  in Prag usw.; dazu kommen Plattenverträge und Rundfunkarbeit.

1950 kommt es zur Entlassung aus sämtlichen schweizerischen Positionen; der Vorwurf: kommunistische Umtriebe. Scherchen hatte beim Festival „Prager Frühling“ ein Konzert dirigiert und im Rahmen der tschechoslowakischen Kulturwoche in Basel einen Vortrag über „Die Tschechoslowakei 1950“ gehalten.  Europa in Zeiten des Kalten Krieges -Grund genug um in der deutsprachigen Schweiz einen Skandal zu entfesseln, Scherchen wurde ein – Bauernopfer (?) seiner Kompromißlosigkeit. Erst 1965 kommt es wieder zur Zusammenarbeit mit einer Schweizer Institution, mit Radio Lugano. 19)

Ungeachtet dieser Hetzcampagne von 1950 behielt Scherchen den Wohnsitz in Zürich; kommt weiter seinen internationalen Verpflichtungen nach – reist nach Italien, Österreich, Deutschland,  New York usw.

1954 erwarb Scherchen im dem Tessiner Dorf Gravesano ein altes Bauernhaus. Gravesano wurde Wohnsitz und Experimentierzentrum. Scherchen ließ den alten, baufälligen Stall umbauen in schalltotes Studio. Es wurde der ideale Ort für die Experimente und Aufführungen zeitgenössischer elektronischer Musik. 20)  Zwischen 1954 und 1966 war Gravesano das „Mekka“, zeitweise sogar Mittelpunkt der elektronischen Musik, der elektro-akustischen, schallwissenschaftlichen Szene.

Am 7. Juni 1966 dirigierte Scherchen im Rahmen des Maggio Musicale Fiorentino  die Premiere  „Orfeide“ (Malipiero). Er stirbt, völlig unerwartet, am 12. Juni 1966 in seinem Hotel in Florenz.

 

Der DIRIGENT

BERLIN, LEIPZIG, WIEN -  BIS 1933

 '… so lerne ich … mit wenigsten, einfachen Mitteln, künstlerisch wesentlich und kompromißlos zu arbeiten … '1)

Die Symphonien von Gustav Mahler waren in den Jahren zwischen 1900 -1914 als „Novitäten“ heiß umkämpft, gefeiert, abgelehnt. Berlin hatte – noch zu Lebzeiten des Komponisten - viele Mahler-Aufführungen erlebt. 1905 hörte Scherchen die 3. Mahler in einem Sonntagsvormittagskonzert  2)

1911: Scherchen spielte Bratsche im Berliner Philharmonischen Orchester; Oskar Fried dirigierte am 24.11.1911 die Berliner EA der VII. Symphonie.

Scherchen  erinnert sich:

… da war Mahler mit der gewaltigen Bekenntnismusik des ersten Satzes, den skurril selbstverlorenen zwei Nachtmusiken, dem wild verzweiflungsvollsten „Scherzo“ – und dem lauten „Amerika“-finale, voll von verheimlichter wienerischer Zärtlichkeit. Die weite Raumhaftigkeit der Mahlerschen Symphonik erschloß sich mir mühelos – nichts war zu lang, nichts zu unbedeutend, nichts zu übergewichtig an der 80 Minuten dauernden Symphonie! Sie begann zu klingen voll so unerhörter Lebensintensität, daß sie seit jenem ersten Zusammentreffen mit ihr – für immer weiter tönte in mir (trotzdem ich das Werk bis zu meiner eigenen Plattenaufnahme davon dann 45 Jahre lang nicht mehr hörte!). Frieds Arbeit machte die Aktualität Mahlers als künstlerisches Großereignis um die Jahrhundertwende voll bewußt: NIEMAND konnte sich dieser Musik entziehen im Orchester, als sie sich brennend reliefhaft realisierte. Wir ertrugen ihre mehr als einundeinviertelstündige Zeitdehnung, nein: ertrugen sie nicht, sondern LEBTEN sie in atemberaubender Hingegebenheit! War ich in Mahlers VII. zuerst jenem neuen Kunstgefühl begegnet, das den Expressionismus einzuleiten begann, so schlug mir dessen Feueratem voll entfacht aus Schönbergs Werk entgegen.  …' 3)

Bei der UA der VIII. Mahler in München, am 12.September 1910: …

und ich saß im Orchester und konnte nicht mehr spielen und zitterte bei dieser unerhörten Verdichtung von Ausdruckswollen, die diese Musik gestaltete. …' 4)

Am 4.Februar 1914  dirigierte Scherchen öffentlich zum ersten Mal eine Mahler –Symphonie. Er wählt die V. Symphonie und dazu  - programmatisch gezielt  ausgewählt - von Arnold Schönberg die 1. Kammersymphonie.

Nach der Probe zu diesem Konzert, schreibt Schönberg an den jungen Dirigenten, - und es ist anzunehmen, daß die kritisierten allzu schnellen Tempi auch den Mahler „trafen“: 5)

… Ihre Tempi durchaus viel zu schnell … Sie scheinen auch in dem Irrtum befangen zu sein, Temperament heißt ‚schnell‘! Während Temperament an sich gar nichts heißt … Legen Sie diesen Irrtum ab, und musizieren Sie  mit gedämpften, verhaltenem Temperament ..

Diese „Symphonie Nr. 5“ wird Hermann Scherchens ganzes Dirigentenleben „begleiten“, sie zieht sich wie Ariadne-Faden durch seine künstlerische musikalische Existenz.; er hat sie 22 mal dirigiert. Im Mai 1966 dirigierte er die V. Symphonie in Bremen; es sollte sein letztes Konzert sein, wenige Tage danach, am 12.Juni 1966 ist er in Florenz gestorben.

Die  Zitate aus den autobiographischen Aufzeichnungen des Dirigenten erzählen von der lebenslangen Faszination, die die Mahler’sche Musik auf den Musiker ausübte, wie sie ihm den Weg öffnete zur Dirigentenlaufbahn, zum Erkennen seines didaktischen Talents.  1919 veröffentlicht er aus Anlaß eines Konzerts in dem er die III. Mahler dirigieren wird, einen Aufsatz, Gustav Mahler, der Musiker-Philosoph.

Scherchen versucht das Phänomen Mahler - Musiker-Philosoph und Prophet  zugleich  zu entschlüsseln; er erkennt, daß die vermeintliche musikalische „Trivialität“ der Mahler‘schen  Sprache –  Volksmusik und Volkstänze, wie z.B.Ländler – sind ihm nur Ausdrucksmittel zum Zweck – dienen dem höheren Ziel des Geistigen :

… Gleichnisse haben hier den Weg zeigen sollen, unvollkommene Bilder erklären wollen, was aus der Architektonik des Werkes selbst sichtbar wird. Diese riesenhafte Formidee wäre nicht möglich gewesen, ohne den Phropheten in dem Musiker Mahler, die kühne cyklopische Rhythmik des ersten Satzes als der rein musikalische Einfall kaum niedergeschrieben worden: ein Hinweis darauf, wie durch diesen Künstler-Mischtyp auch das rein Musikalische erweitert und neu geformt werden kann. …  6)

In seiner Autobiographie „Mein erstes Leben“ berichtet Scherchen außerdem von einem - fast möchte ich sagen - „expressionistischen“ Gespräch, das in einem Kaffeehaus stattgefunden hat; Schönberg lebte damals in Berlin:

… Was damals in der Kunsterkenntnis unter Künstlern vor sich ging, zeigt folgendes Wiener Begebnis: Gustav Mahler, mit Schönberg verabredet, trifft diesen und seine Schüler im Kaffeehaus. Sich zu ihnen setzend, beginnt er über Dostojewski zu sprechen, mit dessen neuen Charakteren und Hauptpersonen (Mörder und Dirne in „Schuld und Sühne“) die Exklusivität des geschmacklich Approbierten des Kunstwerkes sich auflöste. Von Dostojewskis Voll – und Gleichwertigkeit „ ALLER Menschenkreatur, gleich welcher Gestalt“ nahm Mahler sich das Recht, Fetzen von Soldatenliedern, vulgären Tanz –und Liebesweisen als Melodiegrundlagen in die Symphonik einzuführen! Kaum hatte Mahler geendet, so springt der junge Anton von Webern auf, hebt eifernd den Finger und ruft aus: „Ja aber wir haben den Strindberg“ dafür (das war zur Zeit, als Schönberg daran dachte, Balzacs Swedenborg-Novelle „Seraphita“ in ein Opernbuch umzuwandeln ) …'7)

Scherchen und seiner Generation galt Mahler als „Vollender“ einer musikalischen Sprach – und Ausdrucksform sowie gleichermaßen als Schöpfer eines Weges auf der Suche nach einer neuen Tonsprache – und – Form.

Zeit, Kunst- und Lebensgefühl  des  jungen Scherchen sind geprägt von dem um 1910 in Berlin alles dominierenden Expressionismus  - von der Kunstszene bis zur politischen Haltung.  8)

Mit Beginn seiner Dirigentenlaufbahn, so stellt es sich jedenfalls retrospektiv dar, entstand das Image – Scherchen, der „Gegentypus“ zu den Pultstars, älterer wie jüngerer Generation.

Die meisten seiner Zeitgenossen, nicht nur Musiker,  beschreiben ihn als erfolgreichen Außenseiter,  insbesondere wegen seiner rigorosen Kompromißlosigkeit – nicht nur in musikalischen Dingen.

Die anfänglich eingegangenen festen Engagements als Dirigent sind nur von kurzer Dauer: Leipzig 1920/22, Frankfurt 1922/24, Königsberg 1928/31.  9)

Mit einer Ausnahme: Winterthur. Werner Reinhart, Schweizer Industrieller und Kunstmäzen, engagierte den jungen Dirigenten, dem längst ein hervorragender Ruf als Orchestererzieher – und leiter vorauseilte, 1922 für das Stadtorchester Winterthur. Scherchen erhielt Konditionen, die seinen künstlerischen Vorstellungen entsprachen, vor allem reizte ihn die Aufgabe das Stadtorchester, das zunächst von Musikliebhabern gestellt wurde, zu einem professionellen Klangkörper nach seinen Vorstellungen zu formen. Erst 1950 (die „Kommunistenaffäre“)wird Scherchen von dieser Position zurücktreten. 10)

Scherchen lernte Th.W. Adorno, der zum Kreis von Alban Berg gehört, während seiner Frankfurter Jahre kennen; dem jungen aufstrebenden Musikerphilosophen erscheint Scherchen als der Repräsentant einer neuen, heraufkommenden Dirigentengeneration.

Das in den „Musikblättern des Anbruch“ von Th.W. Adorno, 1926 veröffentlichte Porträt ist mehr als ein literarisches Porträt, es gleicht einer Analyse:

 „… Scherchen repräsentiert erstmals wohl nach Art und Gesinnung einen neuen Typus des Dirigenten“ … ihm sei es … „um die Wirklichkeit der Werke wahrhaft zu tun. Deren Organon ist geschichtliche Erkenntnis, aber eben nicht die zuschauerhafte des Historikers, sondern die leidenschaftliche gegenwärtig im Material geleistete, die den Stand der Wahrheit in Werken ermißt  und zu reproduzieren trachtet (…) Die Idee der konstruktiven Erhellung der Werke leitet ihn, er folgt ihr besonnen und bleibt des Restes von Unerhellbaren, in Konstruktion nicht aufgehenden gedenk, der in jedem Werk lagert.“ 11)

Die real-musikpraktische Darstellung verfaßte Paul Stefan; insbesondere unterstreicht Stefan das große Talent von Scherchen, binnen kurzem aus  „bunt zusammengewürfelten“ Musikern, ganz unterschiedlicher Herkunft und Schule ein eingespieltes Orchester, einen Klangkörper zu formen:

…  er hat, vom Radio abgesehen, offiziell recht wenig Förderung erfahren. Umsomehr haben seine Freunde getan: ein Orchester von nichts weniger als Dilettanten steht ihm in freiwilligem Dienst zur Verfügung …

In diesen Konzerten wurden aufgeführt, Krenek, 1. Symphonie, das zweite Mal der langsame Satz aus Mahlers nachgelassener Zehnter …

Daß sich Scherchen überall da als geradezu unheimlich disponierender und mit äußerster Deutlichkeit interpretierender Dirigent erwies, dabei keineswegs lehrhaft, sondern von einer inneren Bewegtheit, die sein Erlebnis jedesmal unfehlbar auf die Hörer übertrug, war trotz allem nicht so sehr das Wunder dieser Aufführungen. Wunderbar war vielmehr, was der Dirigent in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit, oft nur in wenigen Stunden aus dem Orchester gemacht hatte, das ja nicht etwa „eingespielt“ war … Man hat selten, und bei den besten Berufsorchestern einen solchen Zusammenklang, eine solche Einheitlichkeit der Leistung, einen solchen Elan feststellen können … 12)

Eine späte Würdigung des Dirigenten schreibt der Mahler-Forscher Henry –Louis de la Grange in Diapason 2003 anläßlich der CD -Veröffentlichung der III. Symphonie, eines Mitschnitts einer Aufführung 1960 in Leipzig (vgl. Diskographie) durch  TAHRA:

… Hermann Scherchen n‘a pas seulement compté parmi les plus grands chefs de sa géneration, il a été de surcroît un admirable interprète de Mahler. Après plusieurs disques pirates qui ne lui faisaient pas honneur, le voici enfin avec cette  splendide Troisième qui prend place d’emblée dans le peloton de tête des versions disponibles … '13)

Um diese kleine Dokumentation zur Dirigentenpersönlichkeit Scherchen abzurunden, darf die Stimme des Orchesters nicht fehlen. Diese Stimmen sind allerdings zwiespältig:  Ablehnend, wenig freundlich die einen, andere berichten weitgehend übereinstimmend, daß die Orchester-Proben unter ihm ein Erlebnis gewesen wären. Kein anderer konnte Tempi, Rückungen usw. so gut erklären wie er, das Durchspielen eines Stückes während einer Probe ergab einmalige Interpretationserfahrungen.

Nur dann -  am Abend der Aufführung im Konzertsaal, Scherchen im Frack, da geschah – nicht immer, aber doch  - etwas Merkwürdiges: plötzlich war alles anders, das Probierte verflachte bis zur rein technischen Wiedergabe.

Harry Goldschmidt, als junger Musiker bei Scherchen in Königsberg an der ORAG, versuchte dieses Phänomen der Verwandlung zu erklären; es war ein Gespräch, eine Diskussion während eines  Symposiums, das der DDR-Rundfunk im Juni 1986 organisiert hatte .

… Sobald er den Frack anziehen mußte, fühlte er sich beengt. Denn er war ein Mann, der mit seinen Musikern arbeitete, und die Arbeitsatmosphäre war die Voraussetzung für höchste künstlerische Norm und ihre Erfüllung. … 14)

Er war Teil der sich immer mehr erweiternden Mahler-Rezeption in den 20er und 30er Jahren.

… die Besonderheiten der Durchsetzung Mahlers … Neben den Kürzungen, die mit der Begründung einer einfacheren Verbreitung vorgenommen wurden, zeigte sich, daß berühmte Dirigenten wie Nikisch, Walter, Horenstein, Furtwängler, Klemperer, Mengelberg, Scherchen und Pringsheim bis zu Beginn der 20er Jahre auch durch die Auswahl der Werke traditionelle Aspekte in den Vordergrund rückten … Hinsichtlich der Merkmale der Interpretation lassen sich für die Jahre bis 1930 lediglich Vermutungen anstellen, da die für die Interpretation wichtigen Tonaufnahmen mit Werken Mahlers erst vereinzelt Anfang der 30er Jahre entstanden sind. Die erste Tonaufzeichnung liegt mit Oskar Frieds Einspielung der II. aus dem Jahr 1924 vor … 15)

In dem zitierten Text von Metzger, Mahler-Rezeption gibt es zwei Stichworte, die ich herausgreifen möchte.

Programmplanung: die übliche Programmplanung setzte wenig zeitgenössische Musik ein, der Schwerpunkt war Beethoven, viel Klassik und Romantik. Leidglich Richard Strauss als zeitgenössischer Musiker genoß die Gunst des Publikums. Welche Rolle bei der Programmplanung die Musikverlage sowie die Konzertagenturen  dabei spielten, wäre ein interessanter Nebenschauplatz.

Scherchen plante seine Programme „modern“, strukturiert:

… Vier Absichten bestimmten das Gesamtbild meiner Programme von 1922-24: Das Bewußtmachen des die Zeit aufwühlenden Werkes Gustav Mahlers (IX., III., II. Symphonie), das Heranführen des sie neu befruchtetenden Geists Arnold Schönbergs, die Erweckung der sie vorbereitenden musikschöpferischen Feinstkraft im Werk Max Regers, und die Aufzeigung der vorgereiften Großwerke Richard Strauss`schen Komponierens … 16)

Der zweite Punkt ist das Thema: Kürzungen.

Bis weit in die erste Hälfte des 20.Jh. hinein war es durchaus üblich an den klassischen, romantischen aber auch an zeitgenössischen Werken Striche, Instrumentationsveränderungen zu setzen. Es ist der Dirigent Arturo Toscanini, der damit beginnt den Originaltext einer Komposition zum Maß einer musikalischen Aufführung zu machen, der Texttreue rigoros einforderte.

Noch nach 1945 blieb Hermann Scherchen bei seiner Gewohnheit –Striche, Änderungen am musikalischen Text vorzunehmen, eine Tatsache, die viel kritisiert wurde.

Das Problem dieser Einstellung zu einer Komposition, für die Scherchen kompromisslos eintrat, Striche, Veränderungen an der Instrumentation vorzunehmen, ist  bei einer historisch-kritischen Beschreibung des Dirigenten Scherchen nicht leicht zu erläutern. Für die Striche, mit denen Scherchen nach 1945 weiter arbeitete, fehlt – von seiner Seite – für die Instrumentalmusik jede Begründung, wenn es denn überhaupt eine gäbe. Bleibt die Spekulation.

Einerseits vertritt er die Position der „punktgenauen“ (pointiert formuliert) Wiedergabe der musikalischen Textur, wie er es z.B. in seinem Aufsatz die „Kunst des Dirigierens“ verlangt. 17)

Dann wiederum fordert Scherchen rigorose Striche, vor allem wenn er Oper dirigiert und erklärt seine „Strichfreudigkeit“  mit musikalisch- dramaturgischer Notwendigkeit „ wir leben nicht mehr im Zeitalter der Postkutsche“ 18).

Bei symphonischen Werken hingegen besteht dazu keinerlei Notwendigkeit, dieses Argument sticht nicht. Wenn es – wie bei Platteneinspielungen – keine ökonomischen Zwänge waren, - was bewog ihn dann dazu – zu streichen? Diese Frage bleibt ungeklärt, es gibt dazu keine wie auch immer geartete,  auch keine  schriftliche Aussage des Musikers. (Zumindest wurde diese bis jetzt nicht gefunden.) Aber vielleicht war es sein absolut subjektives Empfinden wie er die musikalische Erzählung am besten zum Klingen, als Hörerlebnis erfahrbar machen könne, die ihn zu diesen Eingriffen „verführten“. Nur bei tatsächlich zeitgenössische Musik unterblieb die „Lust am Streichen“.

Im Nachlaß sind zu den Mahler-Symphonien bis auf die VIII. und das Adagio aus der X. keine eingestrichenen Partituren überliefert, um so nachzulesen, was ihn zu den Strichen bewogen haben mag.

Die Rezensionen, aus welchen Jahren auch immer, vor 1933/38 oder nach 1945 geben keinen Anhaltspunkt, keine Hinweise  über Striche oder sonstige Veränderungen; nur die Tonaufnahmen belegen dies. 19)

Scherchens Interpretationsästhetik – nicht nur für die Rundfunkaufnahmen – zielte auf Deutlichkeit, Klarheit, absolut Transparenz im Klanglichen, Differenzierung der Stimmen – richtete sich gegen den „verschwommenen, süffigen, romantischen“ Wohlklang, gegen den „Hall“ der traditionellen Konzertsäle; Kompromisse für Auftritte in den traditionellen Sälen wurden durch Umstellungen des Orchesters versucht um seine Klangvorstellungen möglichst optimal umzusetzen. 20)


DAS MUSICA VIVA – ORCHESTER  - EIN WIENER ZWISCHENSPIEL  1937/38


Mit den beginnenden 30er Jahren zeichnen sich die veränderten und verändernden politischen Ereignisse, Gefahren immer stärker ab; der zunehmende Antisemitismus, das Erstarken der extremen Rechtsnationalen, der Nationalsozialisten, schaffen ein zerrissenes gesellschaftliche und kulturelles Klima. In diesen Sog gerät auch die Rezeption von Mahlers Musik. Nach dem Februaraufstand 1934, der Ermordung des Bundeskanzler Dollfuß, entsteht der Ständestaat, ein autoritäres Regime mit einem demokratischen Mäntelchen. Das kulturelle Wien brauchte neue Impulse und so meinen Gerhard Scheit, Wilhelm Svoboda in ihrer Publikation „Feindbild Gustav Mahler“ (s. Lit.angaben) wäre der Komponist Gustav Mahler, der ehemaliger Hofoperndirektor reine ideale Identifikationsfigur. Treibende Kraft war Alma Mahler, die Witwe.

Bruno Walter, als behutsamer Sachwalter Mahlers, als Vertreter einer älteren Generation (in den Augen einer jüngeren Generation: konservativ), genügte diesem Anspruch nicht mehr. Eine jüngere Generation, nüchtern und kühl, mit einem anderen Musikverständnis sollte sich mit Mahler beschäftigen. In der Person von Hermann Scherchen glaubte man die Gegenposition gefunden zu haben, die zu einer veränderten Auseinandersetzung mit der Musik Mahlers führen sollte, ihr den neuen notwendigen Drive geben. 21)

Man könnte auch so argumentieren, daß sich die Highlights der prominenten Dirigentengarde lieber mit dem Wohlbekannten, Vertrauten – wie etwa Beethoven und Brahms – dem Publikum präsentierten. Es  war erst diese jüngere Generation, freilich keineswegs noch prominent genug, die dem weit verbreiteten Vorurteil  von der „hypertrophen Kapellmeistermusik“, wie man Mahlers Musik gerne etikettierte, vehement widersprach. In diesem zerrissenen musikalische Klima im Wien der 30er Jahre wirkte eine Persönlichkeit wie Hermann Scherchen quasi als Kristallisationspunkt – wenigstens in den vielversprechenden Ansätzen, die auch zukunftsweisend waren, bis zum abrupten Ende mit dem 12.März 1938.

Ende Juli 1937 kommt Scherchen von seiner in Budapest abgehaltenen Arbeitstagung/Dirigierkurs nach Wien um mit dem soeben zusammen-gestellten Musica Viva –Orchester zu arbeiten. Vorausgegangen war die Gründung eines Vereins der Musicophilen, mit Sitz in Zürich, der das Projekt auch finanziell unterstützte. 22)

Alma Mahler übernahm die Ehrenpräsidentschaft, das war die Voraussetzung für die Zustimmung zu einem Mahler-Zyklus; zusätzlich ergab sich damit die Möglichkeit langfristiger Planung. Dieses ambitionierte Unternehmen fand am 12.3.1938 mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich sein abruptes Ende – aus der Republik wurde die Ostmark. Alles was nicht in „Die Diktatur des Hausknechts“ (Alfred Kerr) paßte, verschwand – quasi über Nacht. 23)

Die Programmplanung  bis 1938/39 sah drei wichtige Schwerpunkte vor: zu dem geplanten Mahler-Zyklus kommt ein Zyklus der Brandenburgischen Konzerte und anderer Kompositionen von J.S. Bach, den dritten Schwerpunkt bilden die sogen. „Manuskriptkonzerte“, d.s. Konzerte zeitgenössischer Komponisten deren Werke im Konzert sozusagen „aus dem Manuskript“ gespielt werden sollten. 

Der Mahler-Zyklus: Aufführungen sämtlicher Mahler-Symphonien, ausgenommen die VIII. (wegen des zu großen Aufwands an Mitwirkenden, damit auch ein zu hoher finanzieller Einsatz). Geplant waren sieben Konzerte im Großen Musikvereinssaal, die zwischen dem 6.11. 1937 und dem 22.5.1938 stattfinden sollten.

 

Der Mahler- Zyklus  25)

  1. Konzert im Mahler-Zyklus

6.11.1937 Großer Saal des Musikverein

Musica Viva-Orchester

Dirigent: Hermann Scherchen

Alt: Enid Szantho

  1. Mahler, 9. Sinfonie in D

               Kindertotenlieder

 

Neues Wiener Journal, 8.11.1937, Nr. 15.795

Hans E. Heller

… er hat Wien um ein hochwertiges Orchester reicher gemacht, er hat aber auch das ewige Programmeinerlei mit schöpferischer Kraft durchbrochen und gezeigt, daß auch in dieser Zeit Erfolg erzielt werden kann, wenn man an Stelle des Betriebes eine Überzeugung setzt und sie – allen hämischen Nörgleien zum Trotz – in die Tat umzusetzen bereit ist. …

Das zweite Konzert des Musica Viva Orchesters war das erste des angekündigten Mahler-Zyklus. Scherchen machte es sich und den Höreren nicht leicht. Er stürzte kopfüber in den Ozean Mahlerscher Musik und begann dort, wo Mahler aufhörte: bei der „Neunten“ …

Man wird bis jetzt vielleicht eine kritische Würdigung der Dirigierleistung Scherchens gesucht haben. Es wird aber beim Suchen bleiben, denn angesichts solcher Vollkommenheit muß jedes kritische Wort wie kindliches Gestammel wirken. Es war eine Apotheose der Vollendung.

 

Neue Freie  Presse, 10.11.1937, Nr. 26282

Gez. U.

... Hätte Scherchen keine anderen Verdienste als die Wiedergabe des symphonischen Werkes Mahlers in meisterlich studierten Aufführungen, sein Wirken mußte in der Konzertgeschichte unserer Stadt bedeutsam bleiben. …. Seit Clemens Krauss Abgang ist es um Mahlers Symphonien recht still geworden … Die Aufführung, völlig erfüllt vom Geiste des genialen Werkes, hatte technische Vollkommenheit, tiefe und einen unnachahmlichen Zug ins überdimensionale. Mochte man vielleicht in Einzelheiten des Orchesterklanges noch Wünsche haben, etwa stärkere Besetzung und größere Fülle des Streicherkörpers, weichere Rundung des Hörnerklanges, als Gesamtleistung war diese Aufführung so schön, daß man ihrer nur mit aufrichtiger Bewunderung und Dankbarkeit  gedenken kann. …


  1. Konzert im Mahler-Zyklus

15.12 1937 Großer Saal des Musikverein

Musica Viva-Orchester, Musica Viva Frauenchor, Wiener Sängerknaben

Dirigent: Hermann Scherchen

Alt: Maria Basilides

  1. Mahler, 3. Sinfonie in d –moll 26)

 

Alma Mahler, nach der Aufführung der III. Symphonie:

… gestern erlebte ich eine unbeschreiblich herrliche Aufführung von Gustav Mahlers 3. Symphonie. Alles wird daneben zu Nichts, wenn man das erleben kann, was ich erlebte. Dieses unvergleichliche Werk unter Hermann Scherchens Leitung: Das Wiedererstehen meiner damaligen starken Erschütterung im Jahre 1903 bei den Aufführungen in Köln und Krefeld… .  

Scherchen wird dem Werk vollkommen gerecht. Seine mangelnde Genialität hindert ihn nicht, durch Fleiß, Subtilität und äußerste Hingabe an das Werk wirkliche genialische Wirkungen hervorzubringen. .. '27)

Neues Wiener Journal, 16.12.1937, Nr. 15.833

Hans E. Heller

… Großartig musizierte Scherchen den ersten Satz. Es ziemt sich wohl, daß man hier die phänomenale Leistung des ersten Posaunisten Hoffmann gebührend erwähnt. Klar klangen die Holzbläser und volle Anerkennung dem Schlagwerk …

Reichspost, 17.12.1937, Nr. 346

Gez. R.T.

Gustav Mahlers dritte Symphonie unter Hermann Scherchen

… Bruno Walter, … sucht krasses und Grelles gerne etwas zu mildern und die echt romantischen Gefühlswerte dieser Musik voll zur Wirkung zu bringen. Hermann Scherchen dagegen unterstreicht eher all das, was sich gegen ein Zusammenzufügen zu sträuben scheint, noch besonders. Die romantische Ironie, die Selbstpersiflage bleibt ungemildert stehen. Das Posaunensolo im ersten Satz, das vom Komponisten die Bezeichnung „sentimental“ erhalten hat, wird sozusagen übersentimental gebracht, so daß es an die Saxophonmanier in der Jazzmusik erinnert. Dagegen läßt der langsame Satz am Schluß, der zum Schönsten gehört, was Gustav Mahler geschrieben hat, den Glanz und die Wärme der Streicher vermissen, wohl auch darum, weil diesen durch eine übertonte (sic!, gemeint ist: überbetonte) Forderung des Pianissimo die Kraft zum Ausschwingen genommen wird. …


Neue Freie Presse, 19.12.1937, Nr.26321

gez. U.

Die Rezension der Neuen Freien Presse erklärt die ungeglätteten Dissonanzen, Härten und Schärfen mit der geringen Erfahrung und mangelndem Können des Orchesters, lobt dagegen den schönen Streicherklang. 

 

  1. Konzert im Mahler-Zyklus

21.1.1938 Großer Saal des Musikverein

Musica Viva-Orchester

Dirigent: Hermann Scherchen

Bass: Alexander Kipnis

  1. Mahler, 1. Sinfonie in D

             Vier Orchesterlieder

             Adagio aus der 10. Sinfonie

 

Neues Wiener Journal, 30.1.1938

Hans E. Heller

Das dritte Konzert … brachte neben der Erste Symphonie noch das Adagio aus der Fragment gebliebenen Zehnten Symphonie. …

Hermann Scherchen hat mit dem jungen Orchester ein Wunder zustande gebracht. … Freilich Scherchen ist ein durchaus eigener Kopf. Seine Auffassung von Mahler deckt sich nicht mit der verschiedener Mahler-Interpreten. Aber was besagt das? Scherchens geistige Spannkraft ist eine so ungeheure, daß auch er bis auf den tiefsten Grund der Musik Gustav Mahler dringt, daß er sie ausschöpft, aber in seinem Sinn, in dem Sinn eines großen Musikers von heute. …

 

4.Konzert im Mahler-Zyklus

24.2.1938

Gustav Mahler: 2. Symphonie  c-moll

Das Konzert wurde abgesagt. 28)

 

SCHERCHEN DIRIGIERT MAHLER in WIEN  - NACH 194'5

 Glaubt man der Kritik, dann verfolgte Scherchen einen kontinuierlichen, klaren Dirigierstil, sein ästhetisches Klangideal läßt sich vielleicht am besten so zusammenfassen: kühle Transparenz in der technischen Wiedergabe, Präzision im metrisch-rhythmischen und als herausragendes Merkmal – speziell bei Mahler - das Nichtglätten komplexer musikalischer Vorgänge, Sequenzen und Phrasen (im Gegensatz zu Bruno Walter, der zur „Harmonisierung“ der Extreme neigte, was auch von der Kritik bescheinigt wird). Die (scheinbar) disharmonischen Teile bleiben unverändert stehen, sind als Ausdrucksmittel zu verstehen, werden mitunter besonders unterstrichen.

Diese Tendenz des Dirigenten (für die damals noch konservativ, eher harmonisch geschulten Ohren) das Widersprüchliche der musikalischen Sprache Mahlers hörbar zu machen, hat sicher ihre Wurzeln in der seit seiner Jugend andauernden Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der Musik der Zeitgenossen, besonders mit Schönberg, Berg, Webern.

Mit der Etablierung des Dritten Reichs erfährt die Karriere des Musikers Scherchen eine Zäsur. Ein Schicksal und eine Erfahrung, die er mit vielen anderen teilte; als dann der Krieg zu Ende war, erlebte Scherchen ähnliches wie viele andere auch, die sich unvermutet einer geringeren Wertschätzung ausgesetzt sahen, als sie ihnen eigentlich zukam.     

Die Zäsur 1933 – 1945 (in jeder Beziehung), die durch die Herrschaft der Nationalsozialisten entstanden war, findet sich spiegelbildlich in der Publikumstruktur, seiner Reaktion – und der – Rezeption durch die Kritik wieder. Das wird sich erst Anfang der 60er Jahre zögernd, langsam ändern mit einer neuen Generation von Hörern, Kritikern usw.

… das Publikum, von dem die Rezeption Mahler’scher Musik in den zwanziger und dreißiger Jahren getragen worden war, hatte zu keinem geringen Teil aus Menschen jüdischer Herkunft bestanden – sie wurden nach 1938 vernichtet oder vertrieben. Nur wenige kehrten nach 1945 zurück.  Das Konzertpublikum aber, das aus dem Dritten Reich hervorgegangen war, stand den Symphonien Mahlers nach wie vor ablehnend gegenüber. Die Schallplattenindustrie förderte Mahler ebenfalls nicht – für sie bedeuteten zu diesem Zeitpunkt Produktionen eines symphonischen Werkes ein erhebliches finanzielles Risiko. … 29)

Hermann Scherchen hat nach Kriegsende in Wien nur noch zweimal Mahler dirigiert: Am 15. April und am 13. Juni 1951 dirigiert Scherchen die VIII. Symphonie, im 13. Juni 1956 die IX. Symphonie.

Scherchens Mahlerkonzerte nach 1945 treffen auf dieselben Probleme der Beurteilung wie vor 1933/38; immer noch  herrschen Unverständnis oder Mißverständnis, daß die Musik Mahlers spätromantisch, Epoche abschließend sei, quasi eine Art Resumé aus Beethoven, Schubert, Bruckner  - wenn nicht noch bösartigere Kommentare ausgesprochen werden. Man könnte als Argument einbringen es fehle noch die Erkenntnis, daß in den Kompositionen Mahlers, seine musikalische Sprache vieles von den Entwicklungen aus dem frühen 20. Jh. vorwegnimmt, „geheime“ Verbindungen zur musikalischen Avantgarde der Zweiten Wiener Schule „unterhält“ (zit. nach Scheit/Svoboda, S. 224). Es gibt eine Ausnahme, sie wird etwas weiter unten zitiert.

Im April 1951 kehrte Scherchen nach Wien zurück um die VIII. Mahler zu dirigieren:

Dazu schreibt Kurt Blaukopf:

 „Hermann Scherchens künstlerische Leistung sollte geeignet sein, in Wien eine epochale Wendung einzuleiten: die Besinnung auf den größten österreichischen Sinfoniker des 20. Jahrhunderts.“

Die Forderung, der Wunsch von Kurt Blaukopf verhallte ungehört. Scherchen dirigierte zwar wieder mehrmals in Wien, aber keine Mahler-Symphonien – Programme u.a. mit Bach, Brahms, Schönberg. Erst am 13.Juni 1956, - im Mozart-Jahr -, stand wieder Mahler auf seinem Konzertprogramm.

Er dirigierte die 9. Symphonie. Die Programmzusammensetzung   ist– vorsichtig formuliert – auch wegen der Reihenfolge und der zeitlichen Ausdehnung  - etwas merkwürdig: Scherchen begann mit Mahler, IX. Symphonie, es folgte nach der Pause: Mozart: c-moll Klavierkonzert  KV 491, gespielt von Clara Haskil sowie Zoltan Kodaly: Harry Janos-Suite.

Die Kritiken zu diesem Konzert sind höflich bis positiv, aber doch bei aller Anerkennung für die Dirigierleistung von Scherchen, der hohen Interpretationskunst von Clara Haskil etwas irritiert, ausgehend von der Programmzusammenstellung.

Der Inhalt wie die Wortwahl  der Kritiken zu beiden Mahler- Konzerten, dirigiert von Scherchen, unterscheidet sich, auch wenn es eine andere, zum Teil sogar jüngere Generation an Rezensenten ist, eigentlich nur wenig von den Rezensionen der Vorkriegszeit, vielleicht sind sie sogar noch um einiges weniger präzise: z. B. zur 9. Symphonie  heißt es u.a.

 … mit sorgsamer Herausarbeitung (durch den Dirigenten, Anm.d.A.)aller Einzelzüge und tiefem, liebevollen Verständnis für die letzten Klangvisionen  des großen Meisters … (Arbeiterzeitung, 17.6.1956). Sic!

Eine einzige Rezension erkennt klarsichtig – man möchte sagen endlich (!)– die unsichtbaren Fäden, die Mahlers Musik mit der Neuen Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts verknüpft und der, der diese Fäden erkannt und bloßgelegt habe, sei Scherchen:

Im Abend,  15.Juni 1956, schreibt Karl Heinz Füssl unter dem Titel „Quelle des Neuen“:

… Es ist Musik, die einmal in der eines Alban Berg und Arnold Schönberg, ein andermal in der eines Dimitri Schostakowitsch ihre Nachfolge erlebt, der große Auftakt zur neuen Kunst von Weltgeltung. Die neue Musik fließt aus vielen Quellen. Die vielleicht reichste, schönste, ist die Musik Gustav Mahlers.

Die Wiener Symphoniker sind dafür das denkbar geeignetste Instrument, Hermann Scherchen ist ganz jener Dirigent, der große Musik braucht: ein Kunstbesessener ohne Eitelkeiten …

Retrospektiv möchte ich zusammenfassen. Die Ausstellung „Hermann Scherchen, Musiker“ in der Akademie der Künste 1986 30) war der Versuch einer ersten behutsamen Annäherung an den Menschen und den Dirigenten Hermann Scherchen, sollte der Öffentlichkeit einen lange vergessenen Künstler, der – in der Diktion des 21.Jh. ein „Multitalent“ war – und schon zu Lebzeiten aus allen Schemata herausfiel.


 

SCHLUSSBEMERKUNG

 Hermann Scherchen ist in der Literatur der Mahler-Rezeption kein Unbekannter  mehr – wie er es noch 1986 war. Hinzufügen möchte ich, daß ich die Mahler-Dirigate für die Jahre nach 1945 auf Wien eingegrenzt habe, was nichts darüber aussagt, wie oft und wie viel Scherchen Mahler dirigiert hat. Da er seinen Arbeitsschwerpunkt – aus unterschiedlichen Gründen weitgehend nach Übersee, speziell nach Lateinamerika verlagert hatte, gibt es zwar eine ungefähre Vorstellung der dirigierten Programme, aber noch nicht ausreichend Material um darüber zu berichten. Wichtigste Quelle bleiben immer noch die Briefe, die er von seinen Reisen an seine Frau Pia geschrieben hat und die auszugsweise publiziert vorliegen. 1)

Meine, zugegeben, sehr kursorische Dokumentation und Darstellung des Dirigenten Scherchen,  denn das Gesagte gilt selbstverständlich auch für seine Mahlerinterpretation, versucht herauszukristallisieren, wo seine Stärken lagen, was seine „Schwächen“ waren. Wesentlich aber bleibt: Scherchen wollte nicht nur Musik aufführen, er wollte Menschen, seine Hörer, ob im Konzertsaal, am Radio in das Wesen der Musik hineinführen. Dafür setzte er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten ein: Vorträge, Einführungen, Schriften, Arbeitstagungen – und als Summe aller seiner Intentionen - Konzerte.  Mit den Worten von Jens Malte Fischer möchte ich diese Annäherung an „Scherchen dirigiert Mahler“ schließen: 

 … Hermann Scherchen, …, hat bis auf die Sechste 2)alle Symphonien irgendwann eingespielt oder mitschneiden lassen, … . Scherchens Mahler verblüfft durch energisch durchgepeitschte  Muskolosität, da rutscht nichts in Harmlosigkeit oder Nettigkeit ab, da ist alles tiefernst, stürmisch (mit teilweise allzu rasanten Tempi) und emphatisch: Wo jedoch Zeit zum Atmen und Ausschwingen sein müßte, da vergewaltigt Scherchen Mahlers Musik durch seinen grimmigen Ausdruckswillen.  …  als eine extreme Lesart immer aufregend. …

 

1)'Hermann Scherchen, Das „zweite Leben“ in Briefen, ausgew. und eingel. von Dagmar Wünsche. In: Hermann Scherchen, Musiker. 1891 -1966, Berlin 1986, S. 125ff.

Die im Nachlaß überlieferten Briefe an die Komponistin Xiao Shusien, Scherchens vierte Frau, für die Jahre 1936-1950 und an Pia Andronescu-Scherchen sind noch gesperrt.

 2) Jens Malte Fischer, S. 887f.

Scherchen hat in Leipzig folgende Konzerte mit Mahler dirigiert:

23.1. 1921 – III. Symphonie; 20.2. 1921 – V. Symphonie;

12.9.1921 -  VI. Symphonie; 18.9. 1921 – IX. Symphonie

 

  

DANKSAGUNG

Viele ehemalige Kollegen haben mich mit Rat und Tat unterstützt: in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek wie auch im Archiv der Akademie der Künste, Berlin. Bei ihnen allen möchte ich mich sehr herzlich bedanken.

Des weiteren gilt mein Dank der Archivarin Frau Petri vom ORF, Dokumentationsarchiv  für die Angaben zu den Radioprogrammen 1932, dem Archivar Herrn Hermann in der Ratsschulbibliothek, Zwickau für den Nachlaß Georg Göhler.

Meinen besonderen Dank spreche ich Myriam Scherchen aus, die mir – jahrelang freundschaftlich verbunden wie auch René Trémine – mit vielen weiteren Hinweisen geholfen hat und die Zustimmung zur Veröffentlichung der Texte ihres Vaters erteilt hat.

Dagmar Saval

 Wien, im Oktober 2015

 

Nachwort

 Im Oktober 2015  übergab ich diesen Text der Mahlergesellschaft, auf deren Wunsch und Anregung er überhaupt geschrieben wurde. – was dann folgte hatte Nestroy’sche oder Kafkaeske Dimensionen – je nach Sichtweise – von heller Begeisterung, Zustimmung – und jetzt tritt Kafka auf: und der erste Wächter schickte B. zum zweiten und so fort. Ich verlor jedes Interesse an einer Publikation und zog den Text zurück. Abgelegt, vergessen, bis er mir vor einiger Zeit wieder in die Hände fiel - weil ich umgezogen war.   

Ich halte auch 2021 immer noch für lesenswert-informativ, darum stelle ich ihn auf meine website.

Dagmar Saval

Berlin, im November 2021