Hermann Scherchen, der Dirigent

Aus Dagmar Saval Wünsche

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VORWORT

 

… Hermann Scherchen war ein Förderer , ein Fordender und ein Forscher.

Er förderte mehrere Generationen der komponierenden Avantgarde, er forderte von allen, … Klarheit über das, was sie tun, und er forschte in allen Bereichen der Musik.

Er war jedem akustischen Erleben auf der Spur und wirkte jeder gemütlichen Behäbigkeit mit seiner unbequemen Unerbittlichkeit entgegen. …

 

Mit diesen Worten eröffnete der Komponist Giselher Klebe, 1986 – 1989, Präsident der Akademie der Künste , Berlin die Ausstellung „Hermann Scherchen. Musiker, 1891 – 1966“  im September 1986 in der Akademie der Künste; mit dieser Ausstellung und der sie begleitenden Publikation wurde der Nachlaß der Öffentlichkeit vorgestellt und allgemein zugänglich gemacht. 1)

1974 hatte das Archiv der Akademie der Künste, Berlin den Nachlaß Hermann Scherchen übernommen; Luigi Nono, ehemals Schüler von Scherchen und Hans Ulrich Schmückle, der als Bühnenbildner mit Scherchen zusammengearbeitet hatte, hatten die Übergabe des Bestandes an die Akademie der Künste angeregt. 2)

Mit dieser Ausstellung und dem Katalog begann die bis dahin kaum nennenswert zu nennende Beschäftigung mit der Person und dem Musiker , mit der Werkbiographie des Dirigenten, die – wie sollte es anders sein, immer noch recht fragmentarisch sich präsentiert. Es gibt viele Unschärfen, bedingt durch eine historisch begründete prekäre Quellenlage.  Möglich, daß auch darin die Ursache zu suchen ist, daß Scherchen um René Trémine zu zitieren, „The best known anknown!“ ist  – immer noch?  3)

 

KURZBIOGRAPHIE

Folgt man den biographischen Daten des Musikers Hermann Scherchen entsteht eine Dreiteilung:

Die erste Zäsur setzt das Jahr 1933 mit seinen politischen Umwälzungen in Deutschland, Hitler und die Nationalsozialisten kommen an die Macht: Hermann Scherchen verläßt Deutschland, - aus politischen wie aus künstlerischen Gründen.

Die zweite Zäsur: 1933 – 1945, die Jahre der „Diktatur des Hausknechts“ (Alfred Kerr) – der Aktionsradius des Musikers verengt sich in dem Maße, wie die Nationalsozialisten und der Krieg Europa überrollen. Scherchen wählte als Wohnsitzland die Schweiz.

Die dritte Zäsur: 1945 -1966.  Nach Kriegsende bleibt die Schweiz Wohnsitzland. Scherchen nimmt seinen weitreichenden künstlerischen Aktionsradius wieder auf, wenn auch mit veränderten Schwerpunkten - im Vergleich zu den 20er und 30er Jahren. 

 

Scherchen, in Berlin-Kreuzberg 1891 geboren, als Sohn eines Gastwirts in Kreuzberg; er lernte erst Geige, dann Bratsche. Sehr bald folgten erste Engagements in den Kiez- Kneipen, die väterliche Kneipe wirft nicht genug ab für die Familie, der Sohn muß mithelfen die Familie zu ernähren.

1906 erschien die Partitur der 6. Mahler, die sich Scherchen sofort kauft und:

…Ich sehe mich immer noch, wie ich vor unserer Kneipe in der Kurfürstenstraße auf einem Stuhl saß … und solange die Sonne schien, die Partitur studierte … nach ungefähr dreieinhalb Wochen konnte ich diese ganze Mahler-Sinfonie auswendig …

„… Ich arbeitete (…) Ich sage: arbeitete, weil ich nie nur die Partitur gelesen, sondern auch gehört habe. … “

… und dann kam kurz danach (nach einer 7. Beethoven dirigiert von Oskar Fried)  als zweites ganz großes Ereignis die „Siebente“ Mahler zum ersten Mal in Berlin. 4)


In dem autobiographischen Fragment „ Mein erstes Leben“ 5) beschreibt Scherchen dieses Studium der Partitur genauer:


und beginne das Studium, NUR aus innerer Klangvorstellung heraus(d.h. ohne jede Zuhilfenahme eines Instrumentes). Eine halbe stunde benötige ich, bis alle Noten des ersten Taktes als Tonhöhe, Akkordteil, Melodiewert, Klangfarbe und Dynamik klar in mir tönen und sich zum Klangganzen des Orchesters verweben  - danach BESITZE ich diesen Takt in vollkommener Imagination. Die zweite Bemühung beansprucht danach nur noch 29 1/2 Minuten, die dritte 29  … . Ich „lese“ nicht ( wie es selbstbetrügerisch immer wieder von Partiturkennern heißt), sondern HÖRE in kompromißlos strengem Studium, wie sich das Noten-BILD überwältigend in Klang umwandelt. Nach drei bis 4 Wochen habe ich die Symphonie SO erarbeitet, d.h. sie beginnt nun OHNE NOTENBILD aus mir heraus zu tönen  … .

Scherchen reflektiert auch die Gedankenwelt, die sich in und hinter den Noten verbirgt:

… Noch kann ich die edle Melodik von Mozarts Streichdivertimento in Es-Dur nicht in Beziehung bringen zu Mahlers Dostojewski-Menschentum, um das ich schon weiß, das ich aber noch nicht zur Einheit der Musik zusammenzubinden vermag mit Mozarts Freimaurer-Frömmigkeit. …


1907, im Gründungsjahr des Blüthner-Orchesters wurde Hermann Scherchen als Bratschist ins Orchester engagiert. Das Orchester gastierte viel auch außerhalb von Berlin. Georg Göhler dirigierte, wenn das Blüthner -Orchester für sechs Konzerte in Leipzig spielte. 6)

Scherchen über Georg Göhler:

 

„… Beethoven, Mozart bis Mahler habe ich mit in den schönsten Aufführungen durch ihn erlebt. Leider ging seine Fähigkeit sich mit der Zeit selbst auseinanderzusetzen, gerade nur bis zum jungen Richard Strauss … Göhler aber war ein begeisterter Mahler-Anhänger – eigentlich sehr verwunderlich, wenn er (den späteren , Anm.d.A.) Strauss ablehnte. Bei ihm spielten aber tatsächlich ethische Gesichtspunkte mit hinein. Er fand Strauss einen leichtfertigen, oberflächlichen, genialischen Musiker und Mahler einen ganz tief philosophischen und ethisch überbetonten, den man nicht genug in den Vordergrund stellen könne. Deshalb lehnte er über den ‚Don Juan‘ hinaus den ganzen späteren Strauss ab. Ihm verdanke ich die Bekanntschaft mit Mahler, mit der achten Mahler-Sinfonie. Ich glaube, es war 1910, ich kam wieder ins Blüthner-Orchester zurück – ich hatte anderswo im Café gespielt (Schicksal arbeitsloser Musiker mit Saisonverträgen, Anm. des Autor). Gustav Mahler brauchte für die Münchner Uraufführung (…) 250 oder 300 Mann Orchester und stellte mehrere Chöre zusammen (…) damals stellte der Kern dieser ganzen Chöre der wunderbare Riedelsche Gesangsverein unter Göhler. Und Göhler hatte auch die Einstudierung des Werkes im ganzen chorischen Teil und mit den Solisten übernommen( …) und ich saß im Orchester und konnte nicht mehr spielen und zitterte bei dieser unerhörten Verdichtung von Ausdruckswollen, die diese Musik gestaltete. …  7)


1912 lernte er Arnold Schönberg kennen  und dirigierte einige Aufführungen der Uraufführungstournee des „Pierrot Lunaire“, Oktober, November 1912. 8)

1913 organisierte und dirigierte Scherchen eine Privataufführung der 1.Kammersymphonie von Schönberg.

Das erste öffentliche Auftreten als Dirigent mit dem Blüthner-Orchest war  am 4. Februar 1914:

Das Programm: 1. Kammersymphonie von Arnold Schönberg, 5. Symphonie von Gustav  Mahler. Scherchen beschreibt es als sein zweites Konzert in seinen Erinnerungen:

 

„ … Mein zweites Konzert fand im Jahr darauf statt, ebenfalls in Berlin, in der Singakademie (heute Maxim-Gorki Theater, Anm. d. Aut.). Programm: Schönberg ‚Kammersinfonie‘, öffentlich, die erste öffentliche Aufführung in Berlin, und daran anschließend Gustav Mahler, Fünfte Sinfonie in der neuen Ausgabe, in der neuen Instrumentation. Dieses Konzert führte zu einem großen Skandal. Und zu einer unerhörten Begeisterung. Viele Leute, die wüste demonstrierten, vielleicht noch mehr gegen den Mahler als gegen den Schönberg. Hier waren offensichtlich auch schon antisemitische Tendenzen dabei. …“ 9)

 

Sommer 1914, Scherchen hat sein erstes Dirigierengagement in Dubbeln angetreten; dort überraschte ihn der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, er wird als Kriegsgefangener nach Rußland gebracht. Nach anfänglicher Odyssee der Kriegsgefangenen wurde Scherchen bis 1917/18  in Watkja untergebracht; er entfaltete in der kleinen Kreisstadt am Ural eine umfangreiche und rege Tätigkeit.  10)

 

Diese vier Jahre Kriegsgefangenschaft sind für Scherchen keine verlorenen Jahre: er unterrichtete, u.a. deutsch, später gründete er einen Chor, ein Orchester, komponierte, lernte russisch , beschäftigte sich intensiv mit der Gedankenwelt der russischen Revolution – das sollte ihm später das Etikett des „roten“ Scherchen eintragen. In diesen vier Jahren bildete sich das Fundament seiner späteren künstlerischen Tätigkeit heraus – und es zeigte sich seine durch nichts zu bremsende rastlose Arbeitsenergie, das unaufhörliche Suchen nach neuen Herausforderungen. 

Heimkehr 1918 nach Berlin, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen spielte er wieder im Orchester, als Bratschist.

1920 – 1933. 1920 übernahm er die Leitung des Grotrian-Steinweg-Orchesters, Leipzig; hier konnte er erstmals seine in Rußland gewonnenen Erkenntnisse als Orchestererzieher ausprobieren. 11)

Auf Leipzig folgte Frankfurt, 1922 -1924,  dann Königsberg,  O(stmarken) R(undfunk)AG 1928 -1932,  dazu kamen Chorleitung und –dirigate usw. 12)

1922 wurde er ständiger Gastdirigent für das Stadtorchester Winterthur. Diese Verpflichtung endete 1950, mit seiner Entlassung wegen des Verdachts  kommunistischer Umtriebe. 13)

Scherchen, der Autodidakt, hatte einen ausgeprägten Zug zum Lehren, Lernen, Erfinden  und verfolgt man die Lebenslinien des Musikers, gewinnt man den Eindruck, daß diese Facetten seiner Begabung ihm oft wesentlicher waren als das praktische Musizieren, d.h. das nachschöpferische Dirigieren. Der Didaktiker Scherchen plante Arbeitstagungen, Orchestergründungen, publiziert, hält Vorträge, betreibt Forschung für alte (damals) vergessene Musik, arbeitete für das neue Medium Rundfunk  …

Im November 1932 dirigierte Hermann Scherchen Konzerte in München, aus Anlaß der „ Münchner Woche“ am 22. und 24. November; er erinnert sich:


… Inzwischen fing jene politische Entwicklung an, die die Jahre von 1933 an gekennzeichnet hat und die ich selbst im Ausland erlebte. ... dann kam mein letztes Konzert im Dezember 1932 in München. … Es war ein unerhörter Triumph für alle Werke: die Erste Sinfonie von Honegger, von Reger, glaube ich, die ‚Romantische Suite‘ und von Mahler das Adagio aus der Zehnten Sinfonie. …  14)


Es war Scherchens letztes Konzert in Deutschland bis nach Kriegsende. 

Scherchen fährt fort in seinen Erinnerungen  an das Jahr 1932/33:


 … Vorher hatte ich das große Glück zum erstenmal das musikalische Wien zu erleben. Das kam so: Ich war nach Wien eingeladen worden, die neunte Mahler- Sinfonie für den Rundfunk aufzunehmen.  … Bei der ersten Probe erschien plötzlich eine Schar von Jünglingen und jungen Mädchen feierlich mit einem Fürsprecher. Sie fragten mich, ob ich erlauben würde, daß sie der Probe beiwohnen . … Sie seien Schüler von Webern und von Berg, und es sei für sie sehr wichtig, die Arbeit an der „Neunten“ Mahler zu erleben …

 

Nach dieser Begegnung entstand das Orchesterstudio, mit einem Konzert 31.Jänner 1933, im Konzerthaus.  15)

Scherchen wählte die Schweiz als Exil-Land; von dort aus führte er – zunächst noch wenig eingeschränkt, ausgenommen Deutschland   - seine umfangreiche Dirigiertätigkeit fort, 1939 dirigierte er in Athen und in Palästina, organisierte in Straßburg und Brüssel Arbeitstagungen,  bis kriegsbedingt der Radius sich ausschließlich auf die Schweiz einengte.  16)

1935 Gründung des Verlags „Ars viva“ in Brüssel, ein Verlag für alte und neue Musik; publiziert werden vor allem Partituren 17); dazu erscheint die Zeitschrift „Musica Viva“, die nach drei Nummern, 1937 wieder eingestellt wird.

Nach Kriegsende wird „Ars Viva“ ,als Verlag,1949 in Zürich wieder begründet; aber wie viele Gründungen dieser Art von Scherchen, durch Kapitalmangel entweder sehr bald beendet oder in andere Verlage überführt.

1940 – 1944 leitete er in Bern eine Dirigentenklasse, gab Kurse für Instrumentation und Interpretation am Konservatorium in Bern, veranstaltete Ferienkurse,  - eine Unterbrechung seiner intensiven Tätigkeit bedeuten die Kriegsjahre keineswegs, bestenfalls eine geographische Einengung.

1944 bekommt er Kontakt zur S(chweizerischen) R(undspruch)G(esellschaft).

1945 Übersiedlung nach Zürich; er erhält er das Engagement für das Orchester von Radio Beromünster (d.i. der deutschsprachige Sender der S(chweizerischen) R(undspruch)G(esellschaft) mit Studios in Basel, Bern und Zürich.

Mit Kriegsende nahm Scherchen seine umfassende Reisetätigkeit als Dirigent und Lehrender wieder auf, in Ankara, Chile, bei den Darmstädter Ferienkursen 18),   in Prag usw.; dazu kommen Plattenverträge und Rundfunkarbeit.


1950 erfolgte die Entlassung aus sämtlichen schweizerischen Positionen. Scherchen hatte beim Festival „Prager Frühling“ ein Konzert dirigiert und im Rahmen der tschechoslowakischen Kulturwoche in Basel einen Vortrag über „Die Tschechoslowakei 1950“ gehalten.  Europa in Zeiten des Kalten Krieges -Grund genug um in der deutsprachigen Schweiz einen Skandal zu entfesseln, Scherchen wurde ein – Bauernopfer (?) seiner Kompromißlosigkeit. Erst 1965 kommt es wieder zur Zusammenarbeit mit einer Schweizer Institution, mit Radio Lugano. 19)

Ungeachtet dieser Hetzcampagne von 1950 behielt Scherchen den Wohnsitz in Zürich; kommt weiter seinen internationalen Verpflichtungen nach – reist nach Italien, Österreich, Deutschland,  New York usw.

1954 erwarb Scherchen im dem Tessiner Dorf Gravesano ein altes Bauernhaus. Gravesano wurde Wohnsitz und Experimentierzentrum. Aus dem alten baufälligen Stall wurde ein „schalltotes“ Studio.  20)  Zwischen 1954 und 1966 war Gravesano das „Mekka“, zeitweise sogar Mittelpunkt der elektronischen Musik, der elektro-akustischen, schallwissenschaftlichen Szene.

Am 7. Juni 1966 dirigierte Scherchen im Rahmen des Maggio Musicale Fiorentino  die Premiere  „Orfeide“ (Malipiero). Er stirbt, völlig unerwartet, am 12. Juni 1966 in seinem Hotel in Florenz.

 

1)Anmerkung

Luigi Nono, (1924 – 1990),  Komponist und Schüler von Hermann Scherchen

Hans Ulrich Schmückle, (1916 – 1993), Bühnenbildner; u.a. Zusammenarbeit mit Scherchen bei „Idomeneo“(Mozart), Neapel Teatro San Carlo 10.3.1962

 

2)Anmerkung:

Giselher Klebe, Komponist, 1925 - 2009

Giselher Klebe, Vorwort. In: Hermann Scherchen. Musiker,1891 -1966. Berlin 1986, S. 3


3)Anmerkung:

Die lückenhafte Überlieferung des Nachlasses hat historische Ursachen

Ursachen: Scherchen hat oft den Wohnsitz gewechselt, jeder Umzug bedeutete „Ballast abwerfen“.  Wirklich seßhaft wurde er erst ab 1954, aber auch dieser Zeit ist das Material eher lückenhaft überliefert. Locker formuliert, er ging nicht besonders sorgfältig mit seinem zukünftigen Nachlaß um; ein übriges trugen die Umstände bei, die dazu führten, daß das Nachlaßmaterial Scherchen erst 1974 auf Betreiben von Luigi Nono und Hans Ulrich Schmückle aus dem verlassenen Grundstück (nach dem Tod von Pia Scherchen 1968) in Gravesano in das Archiv der Akademie der Künste, Berlin gebracht werden konnte .

 

4)Anmerkung

Klemm, S. 28f. 

  1. Mahler: Am 24.1.1911, UA, erstmals vollständig in Berlin, dirigiert von Oskar Fried. Vgl. Lucchesi, S. 161 f.


5) Anmerkung

 Lucchesi, S. 155f.


6 )Anmerkung

Georg Göhler, 1874 -1954, Komponist, Dirigent, Musikschriftsteller; als Chordirigent leitete er in Leipzig den Riedel-Verein. Er setzte sich für die Kompositionen Anton Bruckners ein, gehörte zum Kreis der Förderer der Musik von Gustav Mahler. 9.1.1914: Göhler dirigiert die letzte(sogen. Neu)Fassung der V. Symphonie, die Mahler kurz vor seinem Tod vollendet hatte. Der Nachlaß (u.a.mehr als 23.000 Briefe)  wird in der Ratsschulbibliothek, Zwickau verwahrt.

Blüthner-Orchester, 1907 in Berlin gegründet, ab 1925 Berliner Sinfonie-Orchester, heute Konzerthausorchester Berlin. Benannt nach dem Sponsor „Julius Blüthner Pianofortefabrik “, 1853 von Julius Blüthner in Leipzig gegründet. Gespielt wurde im „Blüthner-Saal“ des Klindworth-Scharwenka-Konservatorium, Genthiner Straße 11 , Berlin-Tiergarten.

Riedelverein, Gesangsverein für geistliche Musik, Leipzig, gegründet von Carl Riedel (1827 -1888), Kapellmeister und Komponist, Pionier mit Aufführungen vor allem der Bach’schen Chormusiken. Mitbegründer des A(llgemeinen)D(eutschen)M(usik)V(erein)


7 ) Anmerkung:

Klemm , S. 21f.


8 ) Anmerkung:

Schönberg lebte zwischen 1911-12 in Berlin. Albertine Zehme, Diseuse und Sopranistin, gab die Anregung zur Vertonung des Textes von Albert Giraud.


9)Anmerkung:

Klemm, S, 37

Das  zweite öffentliche Konzert: 18.3.1914 mit J. Haydn, Symphonie 103, W.A. Mozart,  Les Petits Riens, und A. Bruckner, 9. Symphonie.

Die Folge - ein Engagement als zweiter Dirigent nach Dubbeln (Lettland) mit dem Symphonischen  Orchester  Riga.


10)Anmerkung

Vgl. Klemm, S. 71 ff. Wjatka: eine kleine Stadt(40.000 Einwohner) im Ural


11)Anmerkung

Grotrian-Steinweg Orchester: auf Initiative des Leipziger Konzertverein gegründet 1920, finanziert von der Klavierbaufirma Grotrian – Steinweg. Scherchen übernimmt im selben Jahr die Orchesterleitung; die dauerhafte finanzielle Absicherung des Orchesters bedeutet das nicht. Das Orchester muß um seinen Erhalt finanziell zu erreichen populäre Konzerte spielen, im Palmengarten, im Leipziger Zoo usw. Die Inflation von 1923 tut ein übriges; das Ensemble löst sich auf.   


12)Anmerkung:

1924 leitete Scherchen sein erstes Rundfunkkonzert, Arnold Schönberg steht auf dem Programm. Scherchen eignete sich – autodidaktisch – umfangreiches technisches Wissen über das neue Medium Rundfunk an , beschäftigte sich mit Fragen der Akustik – das ging so weit, daß er sich immer wieder aktiv mit Lösungsvorschlägen einschalten konnte.

 

13)Anmerkung zu Winterthur:

Das Orchester besteht zunächst aus Amateuren, Scherchen ergänzt das Orchester durch das Engagement professioneller Musiker und formt es zu einem professionellen Klangkörper. Das gespielte Programm reicht von schweizerischer Barockmusik bis zu zeitgenössischer Musik.


14)Anmerkung:

Klemm, S. 51f.

Nach Recherchen in der Münchner Stadtchronik konnte das Konzert nicht festgestellt werden, weder mit Kritiken noch mit Programmen. Es könnte sein, daß die Behauptung des Kritikers Alexander Berrsche(eigentlich Lösch, 1883-1940), Musikschriftsteller, Musikredakteur der Münchner Zeitung durch dieses Faktum bestätigt wird, es würden keine Rezensionen über das Scherchen - Konzert erscheinen. Er erzählt Scherchen, Grund wäre dessen Konzert in Hamburg gewesen, das er – Scherchen - im roten Pullover dirigiert haben soll mit propagandistischem Inhalt. Scherchen hatte zu diesem Zeitpunkt kein Konzert in Hamburg dirigiert; derartige Machinationen waren Teil der NS-gesteuerten Diffamierungscampagnen, nicht nur gegen Scherchen.


15)Anmerkung

Klemm, S. 52f.

Am 22. August 1932 dirigierte Scherchen in der RAVAG ein Funkkonzert mit dem Wiener Sinfonieorchester/Wiener Symphoniker/. Auf dem Programm stand: Rudolf Mengelberg, Sinfonische Variationen für Violoncello und Orchester, EA, Solist: Rafael Lanes und Gustav Mahler, IX. Symphonie.

Wenig später dirigierte er im Rahmen einer Arbeitstagung mit Absolventen der Musikschulen ein sogen. Studio-Konzert; anzumerken wäre, daß in den Rezensionen immer auf ein erstes Konzert hingewiesen wird, zu dem – bis jetzt - keine Unterlagen auffindbar sind.


Wien, Orchesterstudio-Konzert im Großen Saal des Wr. Konzerthauses:

31.1.1933

Beethoven, Große Fuge

Strawinskij, Klavierkonzert, Solist Jakob Gimpel

Mahler, Adagio aus der X. Symphonie /Fassung Krenek

Dirigent: Hermann Scherchen


NEUE FREIE PRESSE, gez. I., Nr. 24566, 2.2.1933

 … Von einem kleinen Kreis auf den Schild gehoben, hat Hermann Scherchen, der ehemalige Königsberger Rundfunkdirigent, mit einem Orchester, das sich im wesentlichen aus jungen Absolventen der großen Wiener Musikschulen zusammensetzt, nach einem ersten, weniger geglückten Versuche ein zweites Konzert veranstaltet  … den Willen zu interessanter Programmbildung ebenso überzeugend dokumentierte wie den Mut,  mit weniger erprobten Kräften an schwerste Aufgaben heranzugehen. Die Dirigiertechnik Scherchens hat viel Gewaltsames und den Verzicht auf den Taktstock  möchten wir nicht gerade für eine Errungenschaft halten; er ist übrigens ebensowenig neu wie die Orchesteraufstellung (erste und zweite Violinen links, Celli rechts vom Dirigenten) und die zur Verbesserung der akustik angebrachte Wandverkleidung.  ...

Die Aufführung ließ an das, noch unter dem Eindruck dieser Reinheit, wohl auch an Exaktheit in den exponierten Partien manches zu wünschen übrig. Wir würden das, noch unter dem Eindruck dieser Musik und der glühenden Begeisterung stehend, mit der die jungen Leute im Orchester bei der Sache waren, nicht hervorheben, wenn nicht gerade Scherchen als das Muster eines Genauigkeitsfanatikers und Einstudierers mit ostentativer Beflissenheit gegen andere Wiener Dirigenten ausgespielt würde.


16)Anmerkung

Zu den Arbeitstagungen:

1933 Straßburg, 1938 die sechste und letzte in Braunwald/Schweiz. Das Programm dieser Tagungen: jungen Musikern die Möglichkeit der Begegnung mit Musik zu bieten, die in Deutschland verfemt wurde, diese zu studieren, Künstlern zu begegnen, die in Deutschland nicht mehr auftreten durften – in einem Arbeitsklima ohne jede Einschränkung, politischer Repression usw.


17)Anmerkung

Vgl. Lucchesi, S.35


18) Anmerkung:

Darmstädter Ferienkurse: Scherchen kommt in Kontakt mit der jungen Musikergeneration des deutschsprachigen Raums.   


19) Seit Scherchen 1944 als Leiter der Musikabteilung von Radio Beromünster ernannt worden war – eine Ernennung, die vonseiten der deutschschweizerischen rechtspopulistischen Presse heftig angegriffen wurde – schwelte dieser Konflikt, der dann mit dem Basler Vortrag von 1950 voll zum Ausbruch kam und zu Scherchens Entlassung aus allen öffentlichen Schweizer Ämtern führte. Scherchen war nicht der einzige, der solchen Angriffen ausgesetzt war; fast ist man versucht zu sagen, sie waren für die in die Schweiz niedergelassenen Exilanten Alltag zwischen 1933-1945.


20) Anmerkung

Klemm, S. 63f.;  Manfred Krause, Das Gravesaner Studio und seine Austrahlung. Erinnerungen eines Außenseiters. S. 116ff. sowie Abb. S. 114 und S. 115  In: Hermann Scherchen. Musiker 1891-1966. Berlin 1986


HERMANN SCHERCHEN –DIRIGENT

BERLIN, LEIPZIG USW. BIS 1933

 

… so lerne ich … mit wenigsten, einfachen Mitteln, künstlerisch wesentlich und kompromißlos zu arbeiten … '1)

 

Mahler-Symphonien waren in den Jahren zwischen 1900 -1914 noch keineswegs obligater Programmbestandteil der Konzerte,  wurden als „Novitäten“ heißumkämpft, gefeiert, abgelehnt …  .

Berlin hatte – noch zu Lebzeiten des Komponisten - viele Mahler-Aufführungen erlebt. 1905 hörte Scherchen die 3. Mahler in einem Sonntagsvormittagskonzert  2)

1911: Scherchen spielte Bratsche im Berliner Philharmonischen Orchester; Oskar Fried dirigierte am 24.11.1911 die Berliner EA der VII. Symphonie.

Scherchen  erinnert sich:

 

… da war Mahler mit der gewaltigen Bekenntnismusik des ersten Satzes, den skurril selbstverlorenen zwei Nachtmusiken, dem wild verzweiflungsvollsten „Scherzo“ – und dem lauten „Amerika“-finale, voll von verheimlichter wienerischer Zärtlichkeit. Die weite Raumhaftigkeit der Mahlerschen Symphonik erschloß sich mir mühelos – nichts war zu lang, nichts zu unbedeutend, nichts zu übergewichtig an der 80 Minuten dauernden Symphonie! Sie begann zu klingen voll so unerhörter Lebensintensität, daß sie seit jenem ersten Zusammentreffen mit ihr – für immer weiter tönte in mir (trotzfem ich das Werk bis zu meiner eigenen Plattenaufnahme davon dann 45 Jahre lang nicht mehr hörte!). Frieds Arbeit machte die Aktualität Mahlers als künstlerisches Großereignis um die Jahrhundertwende voll bewußt: NIEMAND konnte sich dieser Musik entziehen im Orchester, als sie sich brennend reliefhaft realisierte. Wir ertrugen ihre mehr als einundeinviertelstündige Zeitdehnung, nein: ertrugen sie nicht, sondern LEBTEN sie in atemberaubender Hingegebenheit! War ich in Mahlers VII. zuerst jenem neuen Kunstgefühl begegnet, das den Expressionismus einzuleiten begann, so schlug mir dessen Feueratem voll entfacht aus Schönbergs Werk entgegen.  …' 3)

 

Bei der UA der VIII. Mahler in München, am 12.September 1910: …

und ich saß im Orchester und konnte nicht mehr spielen und zitterte bei dieser unerhörten Verdichtung von Ausdruckswollen, die diese Musik gestaltete. …' 4)

 

Am 4.Februar 1914  dirigierte Scherchen öffentlich zum ersten Mal eine Mahler –Symphonie. Er wählt die V. Symphonie und dazu  - programmatisch gezielt  ausgewählt - von Arnold Schönberg die 1. Kammersymphonie.

Nach der Probe zu diesem Konzert, schreibt Schönberg an den jungen Dirigenten, - und es ist anzunehmen, daß die kritisierten allzu schnellen Tempi auch den Mahler „trafen“: 5)


… Ihre Tempi durchaus viel zu schnell … Sie scheinen auch in dem Irrtum befangen zu sein, Temperament heißt ‚schnell‘! Während Temperament an sich gar nichts heißt … Legen Sie diesen Irrtum ab, und musizieren Sie  mit gedämpften, verhaltenem Temperament ..

 

Diese Symphonie Nr. 5 wird Hermann Scherchens ganzes Dirigentenleben „begleiten“; er hat sie 22 mal dirigiert. Im Mai 1966 dirigierte er die V. Symphonie in Bremen; es war sein letztes Konzert.

Diese kurzen Zitaten aus den autobiographischen Aufzeichnungen des Dirigenten erzählen von den Anfängen der Faszination, die die Mahler’sche Musik auf den jungen Musiker ausübte, ihm den Weg öffnete zur Dirigentenlaufbahn, zum Erkennen seines didaktischen Talents.  1919 veröffentlicht er aus Anlaß eines Konzerts in dem er die III. Mahler dirigieren wird, einen Aufsatz, in dem er sich mit Kosmos Gustav Mahler auseinandersetzt.  Es ist der einzige explizit Mahler gewidmete Artikel.

 

„Von Gustav Mahler, dem Musiker-Philosophen, gibt seine dritte Symphonie ein scharfes Bild. So deutlich werden hier alle Eigenheiten dieser Art des schöpferischen Musikers sichtbar, daß sich im Anschluß an dieses Werk eine eingehendere Auseinandersetzung mit dem Problem, inwieweit die rein musikalische Schaffenskraft eines Künstlers durch außermusikalische Einwirkungen gestärkt oder beeinträchtigt wird, besonders lohnt. …“ 6)

 

Gustav Mahler, der Musiker-Philosoph, 'so der Titel des Aufsatzes, weist die Richtung. Scherchen beschreibt welchen Zugang er zum Kosmos Gustav Mahler gesucht, gefunden hat. Ausgehend von Dostojewskis Welt – und Menschenbild analysiert er am Beispiel der III. Symphonie den Weltanschauungsmusiker Mahler, den Propheten Mahler, dessen alleiniges movens für Sein und Dasein sowie schöpferisches Tätig-Sein die allumfassende Liebe zum Menschen ist; indem er diesen Weg beschreitet, findet er (der Komponist) auch die Lösung für die sich ihm stellenden Formprobleme des musikalischen Ausdrucks.

Scherchen berichtet außerdem von einem -fast möchte ich sagen - „expressionistischen“ Gespräch, das in einem Berliner (?) Kaffehaus stattgefunden hat, Schönberg lebte damals in Berlin:

 

… Was damals in der Kunsterkenntnis unter Künstlern vor sich ging, zeigt folgendes Wiener Begebnis: Gustav Mahler, mit Schönberg verabredet, trifft diesen und seine Schüler im Kaffeehaus. Sich zu ihnen setzend, beginnt er über Dostojewski zu sprechen, mit dessen neuen Charakteren und Hauptpersonen (Mörder und Dirne in „Schuld und Sühne“) die Exklusivität des geschmacklich Approbierten des Kunstwerkes sich auflöste. Von Dostojewskis Voll – und Gleichwertigkeit „ ALLER Menschenkreatur, gleich welcher Gestalt“ nahm Mahler sich das Recht, Fetzen von Soldatenliedern, vulgären Tanz –und Liebesweisen als Melodiegrundlagen in die Symphonik einzuführen! Kaum hatte Mahler geendet, so springt der junge Anton von Webern auf, hebt eifernd den Finger und ruft aus: „Ja aber wir haben den Strindberg“ dafür (das war zur Zeit, als Schönberg daran dachte, Balzacs Swedenborg-Novelle „Seraphita“ in ein Opernbuch umzuwandeln ) …'7)

 

Scherchen und seiner Generation galt Mahler als „Vollender“ einer musikalischen Sprach – und Ausdrucksform sowie gleichermaßen als Schöpfer eines Weges auf der Suche nach einer neuen Tonsprache – und – Form.

Zeit, Kunst- und Lebensgefühl  des  jungen Scherchen sind geprägt von dem um 1910 in Berlin alles dominierenden Expressionismus  - von der Kunstszene bis zur politischen Haltung.  8)

Mit Beginn seiner Dirigentenlaufbahn, so stellt es sich jedenfalls retrospektiv dar, entstand das Image – Scherchen, der „Gegentypus“ zu den Pultstars, älterer wie jüngerer Generation.

Die meisten seiner Zeitgenossen, nicht nur Musiker,  beschreiben ihn als erfolgreichen Außenseiter,  insbesondere wegen seiner rigorosen Kompromißlosigkeit – nicht nur in musikalischen Dingen.

Die anfänglich eingegangenen festen Engagements als Dirigent sind nur von kurzer Dauer: Leipzig 1920/22, Frankfurt 1922/24, Königsberg 1928/31.  9)

Mit einer Ausnahme: Winterthur. Werner Reinhart, Schweizer Industrieller und Kunstmäzen, engagierte den jungen Dirigenten, dem längst ein hervorragender Ruf als Orchestererzieher – und leiter vorauseilte, 1922 für das Stadtorchester Winterthur. Scherchen erhielt Konditionen, die seinen künstlerischen Vorstellungen entsprechen, vor allem reizte ihn die Aufgabe das Stadtorchester, das zunächst von Musikliebhabern gestellt wurde, zu einem professionellen Klangkörper nach seinen Vorstellungen zu formen. Erst 1950 wird Scherchen von dieser Position zurücktreten. 10)

Scherchen lernte Th.W. Adorno, der zum Kreis von Alban Berg gehört, während seiner Frankfurter Jahre kennen; dem jungen aufstrebenden Musikerphilosophen erscheint Scherchen als der Repräsentant einer neuen, heraufkommenden Dirigentengeneration.

Das in den „Musikblättern des Anbruch“ von Th.W. Adorno, 1926 veröffentlichte Porträt ist mehr als ein literarisches Porträt, gleicht einer Analyse:

 „… Scherchen repräsentiert erstmals wohl nach Art und Gesinnung einen neuen Typus des Dirigenten“ … ihm sei es … „um die Wirklichkeit der Werke wahrhaft zu tun. Deren Organon ist geschichtliche Erkenntnis, aber eben nicht die zuschauerhafte des Historikers, sondern die leidenschaftliche gegenwärtig im Material geleistete, die den Stand der Wahrheit in Werken ermißt  und zu reproduzieren trachtet (…) Die Idee der konstruktiven Erhellung der Werke leitet ihn, er folgt ihr besonnen und bleibt des Restes von Unerhellbaren, in Konstruktion nicht aufgehenden gedenkt, der in jedem Werk lagert.“ 11)

 

Die real-musikpraktische Darstellung verfaßte Paul Stefan; insbesondere unterstreicht Stefan das große Talent von Scherchen, binnen kurzem aus  „bunt zusammengewürfelten“ Musikern, ganz unterschiedlicher Herkunft und Schule ein eingespieltes Orchester, einen Klangkörper zu formen:


…  er hat, vom Radio abgesehen, offiziell recht wenig Förderung erfahren. Umsomehr haben seine Freunde getan: ein Orchester von nichts weniger –als-Dilettanten steht ihm in freiwilligem Dienst zur Verfügung …

In diesen Konzerten wurden aufgeführt, Krenek, 1. Symphonie, das zweite Mal der langsame Satz aus Mahlers nachgelassener Zehnter …

Daß sich Scherchen überall da als geradezu unheimlich disponierender und mit äußerster Deutlichkeit interpretierender Dirigent erwies, dabei keineswegs lehrhaft, sondern von einer inneren Bewegtheit, die sein Erlebnis jedesmal unfehlbar auf die Hörer übertrug, war trotz allem nicht so sehr das Wunder dieser Aufführungen. Wunderbar war vielmehr, was der Dirigent in der kurzen zur Verfügung stehenden Zeit, oft nur in wenigen Stunden aus dem Orchester gemacht hatte, das ja nicht etwa „eingespielt“ war … Man hat selten, und bei den besten Berufsorchestern einen solchen Zusammenklang, eine solche Einheitlichkeit der Leistung, einen solchen Elan feststellen können … 12)

 

Eine späte Würdigung des Dirigenten schreibt der Mahler-Forscher Henry –Louis de la Grange in Diapason 2003 anläßlich der CD -Veröffentlichung der III. Symphonie, eines Mitschnitts einer Aufführung 1960 in Leipzig (vgl. Diskographie) durch  TAHRA:

 

… Hermann Scherchen n‘a pas seulement compté parmi les plus grands chefs de sa géneration, il a été de surcroît un admirable interprète de Mahler. Après plusieurs disques pirates qui ne lui faisaient pas honneur, le voici enfin avec cette  splendide Troisième qui prend place d’emblée dans le peloton de tête des versions disponibles … '13)


Um diese kleine Dokumentation zur Dirigentenpersönlichkeit Scherchen abzurunden, darf die Stimme des Orchesters nicht fehlen. Diese Stimmen sind

allerdings zweigeteilt: Ablehnend, wenig freundlich die einen, die anderen berichten weitgehend übereinstimmend, daß die Orchester-Proben unter ihm ein Erlebnis gewesen wären. Kein anderer konnte Tempi, Rückungen usw. so gut erklären wie er, das Durchspielen eines Stückes während einer Probe ergab einmalige Interpretationserfahrungen.

Nur dann -  am Abend der Aufführung im Konzertsaal, Scherchen im Frack, da geschah – nicht immer, aber eben doch - etwas Merkwürdiges: plötzlich war alles anders, das Probierte verflachte bis zur rein technischen Wiedergabe.

Harry Goldschmidt, als junger Musiker bei Scherchen in Königsberg an der ORAG, versuchte dieses Phänomen zu erklären. Anlaß war das  Symposium, das der DDR-Rundfunk im Juni 1986 organisiert hatte .


… Sobald er den Frack anziehen mußte, fühlte er sich beengt. Denn er war ein Mann, der mit seinen Musikern arbeitete, und die Arbeitsatmosphäre war die Voraussetzung für höchste künstlerische Norm und ihre Erfüllung. … 14)

 

 Für die 20er und 30er Jahre spielte Hermann Scherchen in der Geschichte der Mahler-Rezeption  eine wichtige Rolle.

 

… die Besonderheiten der Durchsetzung Mahlers … Neben den Kürzungen, die mit der Begründung einer einfacheren Verbreitung vorgenommen wurden, zeigte sich, daß berühmte Dirigenten wie Nikisch, Walter, Horenstein, Furtwängler, Klemperer, Mengelberg, Scherchen und Pringsheim bis zu Beginn der 20er Jahre auch durch die Auswahl der Werke traditionelle Aspekte in den Vordergrund rückten … Hinsichtlich der Merkmale der Interpretation lassen sich für die Jahre bis 1930 lediglich Vermutungen anstellen, da die für die Interpretation wichtigen Tonaufnahmen mit Werken Mahlers erst vereinzelt Anfang der 30er Jahre entstanden sind. Die erste Tonaufzeichnung liegt mit Oskar Frieds Einspielung der II. aus dem Jahr 1924 vor … '15)

 

In dem zitierten Text von Metzger, Mahler-Rezeption gibt es zwei Stichworte , die ich herausgreifen möchte.

Programmplanung: Scherchens Programmplanung war fast immer eine „Mischung“, übrigens bin ich versucht zu sagen erstaunlich modern – denn ähnlich struktuierte Programme finden sich heute in fast allen Konzertsälen.

Für die Frankfurter Museums-Konzerte waren derartige Programmvorstellungen allerdings eher ungewohnt; man könnte sie aber als Paradigma der Programmvorstellungen Scherchens lesen.


… Vier Absichten bestimmten das Gesamtbild meiner Programme von 1922-24: Das Bewußtmachen des die Zeit aufwühlenden Werkes Gustav Mahlers (IX., III., II. Symphonie), das Heranführen des sie neu befruchtetenden Geists Arnold Schönbergs, die Erweckung der sie vorbereitenden musikschöpferischen Feinstkraft im Werk Max Regers, und die Aufzeigung der vorgereiften Großwerke Richard Strauss`schen Komponierens … 16)


Der andere Punkt in der Argumentation Metzger ist das Thema: Kürzungen.

Noch durchaus üblich in den 20er Jahren, auch noch in den frühen 30er Jahren setzte sich die Forderung von Gustav Mahler, später dann von Arturo Toscanini, den Originaltext zu spielen zunehmend durch.

Das Problem der Striche, Veränderungen an der Instrumentation – dies trifft vor allem für die Zeit nach 1945 zu - ist  bei einer historisch-kritischen Beschreibung des Dirigenten Scherchen nicht leicht zu erläutern. In den 20er und 30er Jahren war es noch durchaus üblich, „Mahler zu streichen“, wie nicht nur Metzger beschreibt. Für die Striche, mit denen Scherchen dann später arbeitet, fehlt – von seiner Seite – für die Instrumentalmusik eine einleuchtende Begründung, wenn es denn überhaupt eine gäbe. Bleibt die Spekulation.

Einerseits vertritt er die Position der „punktgenauen“(pointiert formuliert) Wiedergabe der musikalischen Textur, wie er es z.B. in seinem Aufsatz die „Kunst des Dirigierens“ verlangt. 17)

Dann wiederum fordert Scherchen rigorose Striche, vor allem wenn er Oper dirigiert und erklärt seine „Strichfreudigkeit“  mit musikalisch- dramatischer Notwendigkeit „ wir leben nicht mehr im Zeitalter der Postkutsche“ 18). Bei symphonischen Werken besteht dazu keinerlei Notwendigkeit, dieses Argument sticht nicht. Wenn es – wie bei Platteneinspielungen – keine ökonomischen Zwänge waren, - was bewog ihn dann dazu – zu streichen? Diese Frage bleibt ungeklärt, es gibt dazu keine wie auch immer geartete,  auch keine  schriftliche Aussage des Musikers. (Zumindest wurde diese bis jetzt nicht gefunden.)

Im Nachlaß sind zu den Mahler-Symphonien bis auf die VIII. und das Adagio aus der X. keine Partituren überliefert, sodaß man dort nachprüfen könnte, was ihn zu den Strichen bewogen haben mag.

Die Rezensionen, aus welchen Jahren auch immer, vor 1933/38 oder nach 1945 geben keinen Anhaltspunkt, keine Hinweise  über Striche oder sonstige Veränderungen; nur die Tonaufnahmen belegen dies . 19)

Scherchens Interpretationsästhetik – nicht nur für die Rundfunkaufnahmen – zielte auf Deutlichkeit, Klarheit, absolut Transparenz im Klanglichen, Differenzierung der Stimmen – richtete sich gegen den „verschwommenen, süffigen“ Wohlklang, gegen den „Hall“ der traditionellen Konzertsäle; Kompromisse für Auftritte in den traditionellen Sälen wurden durch Umstellungen des Orchesters versucht um seine Klangvorstellungen möglichst optimal umzusetzen. 20)


DAS MUSICA VIVA – ORCHESTER  - EIN WIENER ZWISCHENSPIEL 


Die Anfang der 30er Jahre abflachende Mahler- Rezeption, vor allem in Wien, sollte einen neuen Impuls erfahren. Dafür gab es lt. Gerhard Scheit, Wilhelm Svoboda, Feindbild Gustav Mahler einen sehr politischer Grund: Mit dem Antritt der Regierung Schuschnigg und der immer größer werdenden „braunen“ Bedrohung brauchte Österreich auch auf musikalischem Gebiet eine Identifikationsfigur – und wer war dafür besser geeignet als Gustav Mahler. Bruno Walter, als Sachwalter Mahlers war, als Vertreter einer älteren Generation genügte diesem Anspruch nicht völlig; die jüngere Generation in der Person von Hermann Scherchen, mit einem anderen Verständnis der Musik Mahlers, sollte so etwas wie eine Gegenposition bilden – um auf diese Weise der Auseinandersetzung mit der Musik Mahlers den notwendigen Drive zu geben. 21)

Man könnte auch so argumentieren, daß sich die Highlights der prominenten Dirigentengarde lieber mit dem Wohlbekannten, Vertrauten – wie etwa Beethoven und Brahms – dem Publikum präsentierten, sie überließ es lieber der  jüngeren, nicht so prominenten „Garde“ sich mit Mahler zu präsentieren, die dem allgemein herrschenden Vorurteil von der „hypertrophen Kapellmeistermusik“ vehement widersprach.

In diesem zerrissenen musikalische Klima im Wien der 30er Jahre wirkt eine Persönlichkeit wie Hermann Scherchen wie eine Art Kristallisationspunkt – die Ansätze jedenfalls waren vielversprechend, zukunftsweisend. Bis zum 12.3.1938.

Die Gründung des Musica Viva Orchesters  im zweiten Halbjahr 1937 in Wien, wird von mehreren Faktoren bestimmt: künstlerisch von Scherchens Mahler-Vorliebe, seinem Eintreten für die zeitgenössische Musik sowie  mit seiner zweiten „Liebe“ -  J.S.Bach.

Ende Juli 1937 kommt Scherchen von seiner in Budapest abgehaltenen

  1. Arbeitstagung/Dirigierkurs nach Wien um mit dem soeben zusammen-gestellten Musica Viva –Orchester zu arbeiten. Vorausgegangen war die Gründung eines Vereins der Musicophilen, mit Sitz in Zürich, der das Projekt auch finanziell unterstützte. 22)

Alma Mahler übernahm die Ehrenpräsidentschaft, Voraussetzung für die Zustimmung zu einem Mahler-Zyklus; das ergab die Möglichkeit langfristiger Planung. Dieses ambitionierte Unternehmen fand am 12.3.1938 mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht in Österreich sein abruptes Ende – aus der Republik wurde die Ostmark. Alles was nicht in „Die Diktatur des Hausknechts“ (Alfred Kerr) paßte, verschwand – quasi über Nacht. 23)

Das geplante Programm des neugegründeten Orchesters: Aufführungen sämtlicher Mahler-Symphonien; ausgenommen die VIII. (wegen des zu großen Aufwands an Mitwirkenden, damit auch ein zu hoher finanzieller Einsatz).

Geplant waren sieben Konzerte im Großen Musikvereinssaal, die zwischen dem 6.11. 1937 und dem 22.5.1938 stattfinden sollten.

Es wurde ein Bach-Zyklus zwischen dem 13. 2. und 22.5.1938  ins Programm gestellt;  geplant waren die sechs Brandenburgischen Konzerte, vier Suiten, vier Kantaten und die Kunst der Fuge.

Weiters die sogenannten  „Manuskriptkonzerte“: zeitgenössische Komponisten wurden quasi vom Blatt /aus dem Manuskript/ gespielt.

Die Programmplanung geht bis in die zweite Saison, 1938/39.

Das Musica Viva Orchester  löst sich per 12.3.1938 auf. 24)

 

Der Mahler- Zyklus  25)

  1. Konzert im Mahler-Zyklus

6.11.1937 Großer Saal des Musikverein

Musica Viva

Musica Viva-Orchester

Dirigent: Hermann Scherchen

Alt: Enid Szantho

  1. Mahler, 9. Sinfonie in D

                       Kindertotenlieder

 

Neues Wiener Journal, 8.11.1937, Nr. 15.795

Hans E. Heller

… er hat Wien um ein hochwertiges Orchester reicher gemacht, er hat aber auch das ewige Programmeinerlei mit schöpferischer Kraft durchbrochen und gezeigt, daß auch in dieser Zeit Erfolg erzielt werden kann, wenn man an Stelle des Betriebes eine Überzeugung setzt und sie – allen hämischen Nörgleien zum Trotz – in die Tat umzusetzen bereit ist. …

Das zweite Konzert des Musica Viva Orchesters war das erste des angekündigten Mahler-Zyklus. Scherchen machte es sich und den Höreren nicht leicht. Er stürzte kopfüber in den Ozean Mahlerscher Musik und begann dort, wo Mahler aufhörte: bei der „Neunten“ …

Man wird bis jetzt vielleicht eine kritische Würdigung der Dirigierleistung Scherchens gesucht haben. Es wird aber beim Suchen bleiben, denn angesichts solcher Vollkommenheit muß jedes kritische Wort wie kindliches Gestammel wirken. Es war eine Apotheose der Vollendung.

 

Neue Freie  Presse, 10.11.1937, Nr. 26282

Gez. U.

Hätte Scherchen keine anderen Verdienste als die Wiedergabe des symphonischen Werkes Mahlers in meisterlich studierten Aufführungen, sein Wirken mußte in der Konzertgeschichte unserer Stadt bedeutsam bleiben. …. Seit Clemens Krauss Abgang ist es um Mahlers Symphonien recht still geworden … Die Aufführung, völlig erfüllt vom Geiste des genialen Werkes, hatte technische Vollkommenheit, tiefe und einen unnachahmlichen Zug ins überdimensionale. Mochte man vielleicht in Einzelheiten des Orchesterklanges noch Wünsche haben, etwa stärkere Besetzung und größere Fülle des Streicherkörpers, weichere Rundung des Hörnerklanges, als Gesamtleistung war diese Aufführung so schön, daß man ihrer nur mit aufrichtiger Bewunderung und Dankbarkeit  gedenken kann. …

 

  1. Konzert im Mahler-Zyklus

15.12 1937 Großer Saal des Musikverein

Musica Viva

Musica Viva-Orchester

Musica Viva Frauenchor

Wiener Sängerknaben

Dirigent: Hermann Scherchen

Alt: Maria Basilides

  1. Mahler, 3. Sinfonie in d –moll 26)

 

Alma Mahler, nach der Aufführung der III. Symphonie:

 

… gestern erlebte ich eine unbeschreiblich herrliche Aufführung von Gustav Mahlers 3. Symphonie. Alles wird daneben zu Nichts, wenn man das erleben kann, was ich erlebte. Dieses unvergleichliche Werk unter Hermann Scherchens Leitung: Das Wiedererstehen meiner damaligen starken Erschütterung im Jahre 1903 bei den Aufführungen in Köln und Krefeld.  

Scherchen wird dem Werk vollkommen gerecht. Seine mangelnde Genialität hindert ihn nicht, durch Fleiß, Subtilität und äußerste Hingabe an das Werk wirkliche genialische Wirkungen hervorzubringen. .. '27)

 

 

Neues Wiener Journal, 16.12.1937, Nr. 15.833

Hans E. Heller

… Großartig musizierte Scherchen den ersten Satz. Es ziemt sich wohl, daß man hier die phänomenale Leistung des ersten Posaunisten Hoffmann gebührend erwähnt. Klar klangen die Holzbläser und volle Anerkennung dem Schlagwerk …


Reichspost, 17.12.1937, Nr. 346

Gez. R.T.

Gustav Mahlers dritte Symphonie unter Hermann Scherchen

… Bruno Walter, … sucht krasses und Grelles gerne etwas zu mildern und die echt romantischen Gefühlswerte dieser Musik voll zur Wirkung zu bringen. Hermann Scherchen dagegen unterstreicht eher all das, was sich gegen ein Zusammenzufügen zu sträuben scheint, noch besonders. Die romantische Ironie, die Selbstpersiflage bleibt ungemildert stehen. Das Posaunensolo im ersten Satz, das vom Komponisten die Bezeichnung „sentimental“ erhalten hat, wird sozusagen übersentimental gebracht, so daß es an die Saxophonmanier in der Jazzmusik erinnert. Dagegen läßt der langsame Satz am Schluß, der zum Schönsten gehört, was Gustav Mahler geschrieben hat, den Glanz und die Wärme der Streicher vermissen, wohl auch darum, weil diesen durch eine übertonte (sic!, gemeint ist: überbetonte) Forderung des Pianissimo die Kraft zum Ausschwingen genommen wird. …


Neue Freie Presse, 19.12.1937, Nr.26321

gez. U.

Die Rezension der Neuen Freien Presse erklärt die ungeglätteten Dissonanzen, Härten und Schärfen mit der geringen Erfahrung und mangelndem Können des Orchesters, lobt dagegen den schönen Streicherklang. 

 

  1. Konzert im Mahler-Zyklus

21.1.1938 Großer Saal des Musikverein

Mahler-Zyklus

Musica Viva-Orchester

Dirigent: Hermann Scherchen

Bass: Alexander Kipnis

  1. Mahler, 1. Sinfonie in D

                     Vier Orchesterlieder

                     Adagio aus der 10. Sinfonie

 

Neues Wiener Journal, 30.1.1938

Hans E. Heller

Das dritte Konzert … brachte neben der Erste Symphonie noch das Adagio aus der Fragment gebliebenen Zehnten Symphonie. …

Hermann Scherchen hat mit dem jungen Orchester ein Wunder zustande gebracht. … Freilich Scherchen ist ein durchaus eigener Kopf. Seine Auffassung von Mahler deckt sich nicht mit der verschiedener Mahler-Interpreten. Aber was besagt das? Scherchens geistige Spannkraft ist eine so ungeheure, daß auch er bis auf den tiefsten Grund der Musik Gustav Mahler dringt, daß er sie ausschöpft, aber in seinem Sinn, in dem Sinn eines großen Musikers von heute. …

 

Die Rezension zu diesem Konzert formuliert konzise Scherchens Intentionen als Mahler-Dirigent.

 

4.Konzert im Mahler-Zyklus

24.2.1938

Gustav Mahler: 2. Symphonie  c-moll

Das Konzert wurde abgesagt. 28)

 


SCHERCHEN DIRIGIERT MAHLER in WIEN  - NACH 1945


Glaubt man der Kritik, dann verfolgte Scherchen einen kontinuierlichen, klaren Dirigierstil, sein ästhetisches Klangideal läßt sich vielleicht am besten so zusammenfassen: kühle Transparenz in der technischen Wiedergabe, Präzision im metrisch-rhythmischen und als herausragendes Merkmal – speziell bei Mahler - das Nichtglätten komplexer musikalischer Vorgänge, Sequenzen und Phrasen (im Gegensatz zu Bruno Walter, der zur „Harmonisierung“ der Extreme neigte, was auch von der Kritik bescheinigt wird). Die (scheinbar)disharmonischen Teile bleiben unverändert stehen, sind als Ausdrucksmittel zu verstehen, werden mitunter besonders unterstrichen.

Diese Tendenz des Dirigenten (für die damals noch konservativ, eher harmonisch geschulten Ohren) das Widersprüchliche der musikalischen Sprache Mahlers hörbar zu machen, hat sicher ihre Wurzeln in der seit seiner Jugend andauernden Auseinandersetzung und Beschäftigung mit der Musik der Zeitgenossen, besonders mit Schönberg, Berg, Webern.

Mit der Etablierung des Dritten Reichs erfährt die Karriere des Musikers Scherchen eine Zäsur. Ein Schicksal und eine Erfahrung, die er mit vielen anderen teilte; als dann der Krieg zu Ende war, erlebte Scherchen ähnliches wie viele andere auch, die sich unvermutet einer geringeren Wertschätzung ausgesetzt sahen, als sie ihnen eigentlich zukam.    

Die Zäsur 1933 – 1945 (in jeder Beziehung), die durch die Herrschaft der Nationalsozialisten entstanden war, findet sich spiegelbildlich in der Publikumstruktur, seiner Reaktion – und der –Rezeption durch die Kritik wieder. Das wird sich erst Anfang der 60er Jahre zögernd, langsam ändern mit einer neuen Generation von Hörern, Kritikern usw.


… das Publikum, von dem die Rezeption Mahler’scher Musik in den zwanziger und dreißiger Jahren getragen worden war, hatte zu keinem geringen Teil aus Menschen jüdischer Herkunft bestanden – sie wurden nach 1938 vernichtet oder vertrieben. Nur wenige kehrten nach 1945 zurück.  Das Konzertpublikum aber, das aus dem Dritten Reich hervorgegangen war, stand den Symphonien Mahlers nach wie vor ablehnend gegenüber. Die Schallplattenindustrie förderte Mahler ebenfalls nicht – für sie bedeuteten zu diesem Zeitpunkt Produktionen eines symphonischen Werkes ein erhebliches finanzielles Risiko. … 29)

 

Hermann Scherchen hat nach Kriegsende in Wien nur noch zweimal Mahler dirigiert: Am 15. April und am 13. Juni 1951dirigiert Scherchen die VIII. Symphonie, im 13. Juni 1956 die IX. Symphonie. 30)

Scherchens Mahlerkonzerte nach 1945 treffen auf dieselben Probleme der Beurteilung wie vor 1933/38; immer noch  herrschen Unverständnis oder Mißverständnis, daß die Musik Mahlers spätromantisch, Epoche abschließend sei, quasi eine Art Resumé aus Beethoven, Schubert, Bruckner  - wenn nicht noch bösartigere Kommentare ausgesprochen werden; - oder  wollte man es etwas harmonisierend definieren - nicht erkannt wird, daß in den Kompositionen Mahlers dessen musikalische Sprache vieles der Entwicklungen aus dem frühen 20. Jh. vorwegnimmt, „geheime“ Verbindungen zur musikalischen Avantgarde der Zweiten Wiener Schule „unterhält“ (zit. nach Scheit/Svoboda, S. 224); mit einer Ausnahme, sie wird etwas weiter unten zitiert.

Im April 1951 kehrte Scherchen nach Wien zurück um die VIII. Mahler zu dirigieren:

Dazu schreibt Kurt Blaukopf:

 

 „Hermann Scherchens künstlerische Leistung sollte geeignet sein, in Wien eine epochale Wendung einzuleiten: die Besinnung auf den größten österreichischen Sinfoniker des 20. Jahrhunderts.“

 

Die Forderung, der Wunsch von Kurt Blaukopf verhallte ungehört. Scherchen dirigierte zwar wieder mehrmals in Wien, aber keine Mahler-Symphonien – Programme u.a. mit Bach, Brahms, Schönberg. Erst am 13.Juni 1956, - im Mozart-Jahr -, stand wieder Mahler auf seinem Konzertprogramm.

Er dirigierte die 9. Symphonie. Die Programmzusamensetzung   ist– vorsichtig formuliert – etwas merkwürdig: Mahler, IX. Symphonie,  Mozart: c-moll Klavierkonzert  KV 491, gespielt von Clara Haskil,  Zoltan Kodaly: Harry Janos-Suite, in dieser Reihenfolge.

Die Kritiken zu diesem Konzert sind höflich bis positiv, aber doch etwas irritiert ob dieser Programmzusammenstellung.

Der Inhalt wie die Wortwahl  der Kritiken zu beiden Konzerten unterscheidet sich, auch wenn es eine andere Generation an Rezensenten ist, in manchem nur wenig von den Rezensionen der Vorkriegszeit, vielleicht sind sie sogar noch um einiges weniger präzise: z. B. zur 9. Symphonie  heißt es u.a.

 … mit sorgsamer Herausarbeitung (durch den Dirigenten, Anm.d.A.)aller Einzelzüge und tiefem, liebevollen Verständnis für die letzten Klangvisionen  des großen Meisters … (Arbeiterzeitung, 17.6.1956).

Eine einzige Rezension erkennt klarsichtig – man möchte sagen endlich – die unsichtbaren Fäden, die Mahlers Musik mit der Neuen Musik zu Beginn des 20. Jahrhunderts verknüpft und der, der diese Fäden erkannt und bloßgelegt hat, war Scherchen:

Im Abend,  15.Juni 1956, schreibt Karl Heinz Füssl unter dem Titel „Quelle des Neuen“:

 

… Es ist Musik, die einmal in der eines Alban Berg und Arnold Schönberg, ein andermal in der eines Dimitri Schostakowitsch ihre Nachfolge erlebt, der große Auftakt zur neuen Kunst von Weltgeltung. Die neue Musik fließt aus vielen Quellen. Die vielleicht reichste, schönste, ist die Musik Gustav Mahlers.

Die Wiener Symphoniker sind dafür das denkbar geeignetste Instrument, Hermann Scherchen ist ganz jener Dirigent, der große Musik braucht: ein Kunstbesessener ohne Eitelkeiten …

 


1)Anmerkung

Klemm, S. 169, Lucchesi, S. 16 

Scherchen in seinem Bericht aus den Jahren seiner russischen Gefangen-schaft; Spiegelbild der Erfahrungen seiner täglichen Realität als Musiker, Lehrer und Überlebenskünstler in Zeiten des Mangels. Es wird zu seinem Arbeitsmotto.

      

2) Lucchesi, S. 154: Scherchen, Mein erstes Leben:… ich höre an einem Sonntagvormittag die III. Symphonie von Mahler ..

 

3) Lucchesi, S. 161f.

Oskar Fried (1871 -1941), Dirigent und Komponist

Berliner Philharmonisches Orchester


4) Scherchen war als Bratschist von 1907 - 1912 im Berliner Philharmonischen Orchester engagiert; 1918 spielt er nach der Rückkehr aus der russischen Gefangenschaft wieder im Berliner Philharmonischen Orchester.


5) Anmerkung:

In: Arnold Schönberg, Briefe. Ausgew.u.hg.v.Erwin Stein. Mainz 1958, S. 44


6) Anmerkung:

Freie Deutsche Bühne, Berlin 1919/20, 1. Jg., H. 1, S. 446 ff.

Die Zeitschrift „Freie Deutsche Bühne“ gehört wie der „Sturm“, die „Aktion“ zu den vielen Zeitschriften des Expressionismus.


7) Anmerkung

Lucchesi, S. 162.

Si non è vero – è ben trovato. Scherchen schrieb seine autobiographischen Aufzeichnungen um 1960. Das inhaltlich Wesentliche daran sind die Überlegungen zu den musikalischen Bausteinen Mahlers. 


8) Anmerkung

Die Wurzeln des „Expressionismus“ sind vielschichtig; Nietzsche steht am Beginn dieser Kunstepoche; die „O Mensch“ – „Schrei in die Welt“ – Attitüde, wurde wie ein Etikett dem Expressionismus „aufgeklebt“, trifft das Wesentliche – bedeutet: Revolte.

Man findet nur selten in den Schriften Scherchens konkrete Bezüge zur Kunstentwicklung seiner Zeit; dagegen finden sich in seiner Sprache viele zeittypische Ausdrucksformen, auch in privaten Äußerungen - wie z.B.  Übersteigerung des Ausdrucks, bis hin zur Atemlosigkeit, Verkürzungen  … Merkmale des/r (Sprache) Expressionismus.

 

9) Anmerkung:

Leipzig, Grotrian Steinweg-Orchester, Chorleitungen usw., mit Mahler – Vorträgen, von denen allerdings nur noch die Ankündigungen und Rezensionen vorhanden sind.

  1. a. Thomas Schinköth, Hermann Scherchen in Leipzig 1920 – 1930

In : Das Orchester, Nr. 7-8, 1996, S. 11

 

10) Anmerkung:

Winterthur:

Das Stadtorchester wurde 1875 gegründet, den Vertrag schloß Scherchen mit dem Musikkollegium Winterthur (gegr. 1629).

Die Verbindung zu Werner Reinhart und Winterthur hat Ernst Georg Wolff (1883-1962), Schweizer Komponist und Schönberg-Schüler, 1912, hergestellt. Wolff war ein Jugendfreund von Werner Reinhart; in einem Brief vom 4.4.1916 an Reinhart erzählt Wolff, daß Scherchen, der in der russischen Gefangenschaft Briefe erhalten konnte und sich selbst finanzieren mußte(!) für sein Überleben dringen 300 Mark benötige; die könnten ihm über Wien nach Wjatka geschickt werden. In einem späteren Brief berichtet Wolff auch davon, daß Scherchen komponiere und Musikunterricht erteile.

Zit. nach Lucchesi, S. 255, Anmerkung 5

Vgl. Anmerkung 19, Scherchen-Biographie

11)Anmerkung:

Th.W.Adorno, Drei Dirigenten, Musikblätter des Anbruch, Wien 1926, H. 7,

  1. 315ff.

Es werden drei völlig unterschiedliche Musikerpersönlichkeiten analysiert: als Rettung: Wilhelm Furtwängler, als quasi statische Darstellung: Hermann Scherchen, als visionäre Beschwörung: Anton Webern.

Adorno  hatte an der Frankfurter Universität u.a.auch Musikwissenschaft studiert, und sich 1924 dem Kreis der Zweiten Wiener Schule angeschlossen.

Bekanntschaft mit Alban Berg anläßlich der UA der „Drei Bruchstücke für Gesang und Orchester aus Wozzeck“ in Frankfurt/M., 15.6.1924, Scherchen dirigierte die UA.

Das eher außermusikalische Porträt von Elias Canetti  nachzulesen in:

Elias Canetti, Das Augenspiel, München, Wien, 1985, S. 49 f.


12 )Anmerkung:

Paul Stefan, eigentlich Paul Stefan Grünfeld (1879 – 1943), Musikkritiker und Musikschriftsteller,

Zit. „Musikblättern des Anbruch“, Oktober 1932, H. 8, S. 184f.

und Fragment im Nachl. HSCH Nr.391


13) Anmerkung:

Henry-Louis La Grange (1924 -, lebt in Paris), Musikwissenschaftler, Mahlerbiograph

Zit. : Bouclet TAHRA 497/498, 2003: 3. Symphonie und 10. Symphonie, Adagio, Leipzig 1960


14) Anmerkung

Harry Goldschmidt (1910-1986), Musikwissenschaftler

In: Festschrift Goldschmidt, S. 397


15 )Anmerkung:

Lt. Metzger, S.238


16)Anmerkung

Lucchesi, S. 190. Frankfurt, 23.3.1923: Scherchen dirigierte die Symphonie Nr.3,

d-moll von Gustav Mahler in den Museums-Konzerten


17) Anmerkung:

Lucchesi, S. 225ff.: Die Kunst des Dirigierens


18) Anmerkung

Der „Idomeneo“ wurde auf 1 ½ Stunden reduziert !

vgl. den Vortrag von Scherchen auf der Tagung des ITI, Berlin, 11.12.1962: Dramaturgie und Regie der Oper, publiziert in: Hermann Scherchen. Musiker. 1891-1966., s. 103f. 


19 ) Anmerkung

Einschränkend nur für Konzerte,  denn bei Plattenaufnahmen ist bekannt, daß es sich dabei um ökonomische Zwänge handelte 


20)Anmerkung:

Scherchens ästhetische Akustikvorstellungen haben ihre Wurzeln in seiner Beschäftigung mit dem „Vater“ der Akustik, dem Physiker Joseph Sauveur (1653-1716).

In „Die Kunst des Dirigierens“ spricht sich Scherchen für eine umfassende und tiefgreifende Kenntnis der Partitur aus, die auch in aufführungspraktische Details reicht, … besitzt der Interpret eine vollkommene Technik, so ist die erste Bedingung zur Klangwerdung des vom Komponisten angestrebten Klangleibes gegeben. Er muß aber mehr sein: ein wirklicher Reproduzent des durch ihn überhaupt erst erklingenden Kunstwerkes, ein Künstler, dessen eigenschöpferische Spannweite es erlaubt, mit der Idee identisch zu werden. … 

Ziz. Lucchesi, S. 225 f.?


21) Anmerkung

  1. Scheit, S. 90 ff., besonders das Kapitel: Willi Reich, Ernst Krenek, Theodor W. Adorno, Hermann Scherchen – Mahler und die Moderne im Ständestaat.

 

22) Anmerkung

Scherchen trifft Alma Mahler 1937 in Wien, (dazu vgl. Elias Canetti, Das Augenspiel, S. 50 ff., die erste Begegnung mit Alma Mahler dürfte schon 1932/33 gewesen sein, vor der Erkrankung Manons, + 1935)

Verein der Musicophilen':

Ehrenpräsidentin war Alma Mahler, das Comité, das das Projekt „Musica Viva“ unterstützte, setzte sich zusammen u.a. aus: Adolf Busch, Pablo Casals, Gerda Busoni. Rolf Liebermann trug zur Finanzierung des Orchesters ebenfalls bei.vgl. Klemm, S. 56f.

Als eine weitere Mäzenin wird Tona Sheppard (auch Shepperd geschrieben) genannt. Sie war Präsidentin der Amerikanischen Sektion der ‚‚Freunde der Salzburger Festspiele“. Auskunft von Myriam Scherchen: ihre chinesische Schwester Schwester Tona, Komponistin, erhielt aus Verehrung und Dankbarkeit für die Unterstützung den Vornamen Tona.

 

23) Anmerkung

Alfred Kerr, Die Diktatur des Hausknechts. Brüssel 1934. Neuausgabe: Hamburg 1981. Bibliothek der verbrannten Bücher

 

24) Anmerkung

Die Geschichte dieses Orchesters MUSICA VIVA ist noch nicht geschrieben; die bisher aufgefundenen wenigen Quellen geben nur ein ungefähres Bild der ganzen Unternehmung.

Schon während dieser ersten Spielzeit hat sich das Orchester bedingt durch Abwanderung von Musikern in ein anderes Land – Wien war auch “Durchgangsstation“ für die Wartezeit auf ein Visum – in seiner Zusammensetzung immer wieder verändert.

Vgl. Klemm, S. 56f. sowie Nachlaß Hermann Scherchen, Archiv der Akademie der Künste, Berlin 

Die Programme der Musica Viva - Konzerte enthalten Namenslisten.

Der Bratschisten Richard Goldner, Andergasse 50, Wien – Hernals, emigrierte 1939 nach Australien.

Hermann Scherchen an Richard Goldner, undat. und ohne Ort (vermutlich 1937), Durchschrift

… bin gerne bereit, die Propaganda Ihres Daemp(f)ers in der Musica VIVA ('gemeint' ist hier die Zeitschrift oder der Verlag) … zu übernehmen … Welches ist Ihr Verkaufspreis ?

Der Brief endet mit der Frage Scherchens nach dem Orchester

31.3.1938 schreibt Hermann Scherchen an Richard Goldner aus Winterthur:

… sehr dankbar wäre ich Ihnen, wenn Sie mir einmal einen unverblümten Bericht darüber geben würden, wie die einstigen unserer 40 Mitglieder mit ihrem Herzen … eingestellt geblieben sind. Kann zum Beispiel Klose als Tscheche weiterhin substituieren ? …

Wenn man diesen Briefinhalt interpretieren wollte, so denkt Scherchen, daß das Unternehmen „Musica Viva“ – wenn auch in veränderter Besetzung ? – vielleicht doch noch weiter spielen würde? Nachrichten über die tatsächlichen Vorgänge in dem nunmehr nationalsozialistischen Österreich/der Ostmark dürften ihm nicht in ihrem ganzen Ausmaß bekannt gewesen sein – darin war er allerdings nicht der einzige.

Nach Kriegsende nimmt Hermann Scherchen mit seinem ehemaligen Bratschisten Kontakt auf, er frägt ihn in einem Brief , 2.7.1946 nach seinem neuen Leben, seinen Vorhaben usw., eine Antwort ist leider nicht erhalten.

Alle: Hermann Scherchen Archiv 968

 

25) Anmerkung:

Die Programm-Sammlung im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

1937-1987. Hg. Otto Biba. Bearb. Teresa Hrdlicka. Tutzing 2001

 

26)Anmerkung:

  1. Bouclet, TAHRA 338/339: Rolf Liebermann dirigierte das Orchester hinter der Bühne (das Fernorchester).

Scherchen hat die III. das erste Mal am 23.11.1919 in Berlin mit dem Berliner Philharmonischen Orchester dirigiert.

 

27) Anmerkung:

Alma Mahler-Werfel,  Mein Leben, Frankfurt/M. Fischer 1960, S. 226


28)  Anmerkung:

Das Konzert wurde abgesagt wegen der Rede des Bundeskanzler  Kurt Schuschnigg zur geplanten Volksabstimmung am 11.3.1938; es wurde auf den 18.3.1938 verschoben.


29)Anmerkung

Gerhard Scheit, ,S. 141ff.


ZUR  DISKOGRAPHIE MAHLER –SCHERCHEN


Der historische, akustische Zugang zu den Mahler –Dirigaten Scherchens ist  auf die Jahre nach 1945 limitiert; von den Dirigaten aus den Jahren davor gibt es – soweit bekannt – keine überlieferten Aufzeichnungen im Rundfunk oder auf Schellack/LP.

Die Aufnahmen nach 1945 auf Schellack/LP sind Raritäten. Vieles wurde inzwischen auf CD überspielt; dennoch sind diese CDs  mit Scherchen als Dirigent, somit auch die Mahler-Aufnahmen, nicht leicht auffindbar.

Ein kurzer Exkurs: Besonders bemüht um die (nicht nur) akustische Überlieferung der Scherchen-Dirigate war das kleine französische Label Edition TAHRA, 1992 - 2014. Die Edition TAHRA wurde von Myriam Scherchen und René Trémine 1992 gegründet; zunächst als privates Label für „les mélomanes et pour la mémoire de Papa“, wie mir Myriam Scherchen erzählte. 1) Später erweiterte TAHRA das Programm, widmete sich 22 Jahre  lang der Spurensuche nach seltenen, häufig  als verschollen geltenden Aufnahmen mit dem Schwerpunkt (anfänglich) von drei Dirigenten: Hermann Scherchen, Wilhelm Furtwängler und Hermann Abendroth.

Die Aufnahmen der zehn Mahler-Symphonien,  „Das Lied von der Erde“ sowie  einzelner Lieder, der „Kindertotenlieder“, der „Lieder eines fahrenden Gesellen“ unter dem Dirigat von Hermann Scherchen auf dem Label TAHRA wurden aus unterschiedlichsten Quellen zusammengetragen.

Der phonographische  Nachlaß (Tonbandmaterial und Schellack-Platten) von Hermann Scherchen war aber nicht die alleinige Quelle für die CD-Überspielungen. 2)

Eine weitere, historisch  bedeutende Quelle ist das Label Westminster, heute als Kultlabel gehandelt, bei der Deutsche Grammophon. 3)

Scherchen  hat nach 1945 mit den unterschiedlichsten Orchestern zusammengearbeitet und Platten (LP) eingespielt, darunter  auch viele Live-Aufzeichnungen.

Dem heute geforderten resp. gewohnten technischen Standard können diese Aufnahmen nicht entsprechen, auch wenn sie „remastered“ sind …  4) Diese Aufnahmen besitzen, selbst wenn manche der Person Scherchen nicht gerade wohlwollend gegenüberstehen, den großen dokumentarischen Charakter kann man nicht wegdiskutieren.  Diese Aufnahmen sind Zeitdokumente in vielerlei Gestalt: als da wären die mitwirkenden Sänger, Musiker, sie sind auch  Dokumente für die Entwicklung der Aufnahmetechnik (von der Schellackplatte usw.) und nicht zuletzt: Hermann Scherchen zählt ebenso wie ein Bruno Walter oder Oskar Fried oder Willem Mengelberg  zum Kreis derjenigen, die vor allem in den 20er und 30er Jahren entscheidend zur  Mahlerrezeption beigetragen haben.

Die Bandbreite der Orchester mit denen Scherchen zusammengearbeitet hat im Laufe der rund 50 Jahre seiner Dirigentenlaufbahn  reichte vom renommierten Klangkörper (wie z.B. das Berliner Philharmonische Orchester, das Philadelphia Orchester, die Wiener Symphoniker usw.) bis zu den von ihm gegründeten Klangkörpern mit vorwiegend jungen Musikern.

In der unmittelbaren Nachkriegszeit hat Scherchen häufig in Wien dirigiert  - dann waren es vor allem die Wiener Symphoniker, mit denen er live Konzerte dirigierte. Platteneinspielungen hat er u.a. auch mit dem Orchester der Wiener Staatsoper  gemacht. 5)

Über die mit den Wiener Symphonikern und dem Orchester der Wiener Staatsoper eingespielten Mahler-Symphonien schreibt Hartmut Hein:


… Scherchens Aufnahmen, … umfassen bis 1960 bereits alle Symphonien bis auf die Vierte. Er scheute nicht vor Kürzungen zurück, eklatant in einer späteren Aufnahme der Fünften von 1965, die auf eine einzelen LP passen sollte: das Scherzo wurde auf 5 ½ Minuten reduziert bei zugleich einer der langsamsten Versionen des Adagietto (Harmonia Mundi France HMA 19551179).

Als Zeugnissen einer graduellen Entromantisierung durch strukturbetonte Klangregie im Geiste der „Neuen Musik“ kommt diese heute zumeist nur vereinzelt in den Schallplattenkatalogen greifbaren Interpretationen eine besondere Bedeutung zu. … 6)

 

Ein (nach meinen Aufzeichnungen erstelltes)  kursorisches Verzeichnis (geordnet nach den Kompositionen) der CDs  Mahler-Scherchen; im Zeitalter der unendlichen Reproduzierbarkeit  von Kunst (Walter Benjamin) ein ephemeres Unterfangen - ist es doch zum Erscheinungsdatum des Texte  vermutlich schon nicht mehr zutreffend … .


1.Symphonie D-dur

Royal Philharmonic Orchestra, London

Aufgezeichnet für Westminster, September 1954

CD : TAH 716/718

  1. Symphonie c-moll

Wiener Staatsopernorchester, Mimi Coertse, Lucretia West

Aufgezeichnet 10.6. und 12.1958

LP , CD Überspielung Standort Japan 


  1. Symphonie d-moll

Wiener Symphonikern, Frauenchor des Wiener Staatsopernchores,

Wiener Sängerknaben, Hilde Rössel-Majdan

Aufzeichnung in den Studios des ORF/Funkhaus, 31.10.1950

CD :TAH 338/39

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung: CD3544

  1. Symphonie d-moll

R(adio) S(ymphonie) O(rchester), Leipzig, Sona Cervena

Liveaufzeichnung eines Konzertes vom 1.u. 4. Oktober 1960

CD :TAH 497 /498 

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung:  CD3415

Zur CD:

Diese historische Aufnahme aus Leipzig, 1.10.1960, mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester , Leipzig, Solistin: Sona Cervena befand sich im Archiv des DDR-Rundfunks, damals Nalepastraße, Berlin, war bis zum Datum der Wiedervereinigung Deutschlands – wenn überhaupt, dann nur Insidern bekannt.

Die Bänder des Live-Mitschnitts wurden von René Trémine und Myriam Scherchen auf ihrer Suche nach Tonaufzeichnungen Hermann Scherchens im Funkhaus des DDR Rundfunk, Berlin-Oberschöneweide,  Nalepastraße entdeckt; es dauerte 1991 bis der Vertrag unterzeichnet war,  die Bänder wurden erst 1992 zur Veröffentlichung  freigegeben.

Die jetzt vorliegende CD ist quasi eine veränderte zweite Auflage: unter der Nummer TAHRA 101 wurden die Bänder dieses Mitschnitts von 1960,  1992 erstveröffentlicht. Der technische Fortschritt (seit der Erstveröffentlichung 1992) erforderte und ermöglichte eine Verbesserung der Tonqualität der Aufnahme, die 2003 unter TAHRA 497-498 erneut veröffentlicht wurde. 7)

 

  1. Symphonie cis-moll

Wiener Staatsopernorchester

Aufgezeichnet für Westminster, Juli 1953

CD: TAH 716 - 718

In der Diskographie von René Trémine zu dieser Aufnahme:

Si Scherchen pratiquait des coupures dans la partition de cette symphonie lors des concerts en public, son célèbre enregistrement Westminster es intégral.  …

  1. Symphonie cis-moll

Philadelphia Orchestra, 30. Oktober 1964 (live)

CD: TAH 422

Zur Produktion: entstanden während der ersten Amerika-Tournee des Dirigenten.

Dazu schreibt René Trémine im TAHRA-Catalogue: www.tahra.com/catalogue

 …Après l’irritation du scherzo mutilé, on entre soudainement dans une autre dimension, à la fois inouie et sublime. Sans la moindre distorison de la ligne mélodique, Scherchen réussit le tour de  force paradoxal de conférer un sentiment d’implacable urgence avec une étonnante économie de moyens (des pianissimi venus d’ailleurs) et une riguer formell intraitable en épurant ce mouvement de toutes ses scories sensuelles ou hédonistes (comme chez Karajan) pour en faire un rêve éveillé d’une douceur crépusculaire  à la fois pudique et évanescente, avec des accents à peine murmurés qui rappellent le concerto à la mémoire d’un ange de Berg. Pour cet adagietto d’anthologie, ce disque mérite de figurer dans toute discothèque mahlèrienne … Le stürmisch bewegt est également un grand moment visionnaire: on assiste lá véritablement  à une lutte à mort convulsive entre des forces antagonistes, survoltées et indomptables … 8)

Die Rezension von DIAPASON, Magazine fran,cais, seit 1952,  schlägt in die gleiche Kerbe und betont darüber hinaus die Transparenz der Klanggestaltung,  die Herausformung der Polyphonie,  das Fehlen jeglicher Glätte, das Bloßlegen aller Schärfen und Kanten der musikalischen Textur.


  1. Symphonie a-moll

Live-Aufzeichnung Radio Sinfonie Orchester Leipzig, 4.10.1960

TAH 110,147


  1. Symphonie e-moll

Orchester der Wiener Staatsoper,  Wien 1953

Aufgezeichnet für Westminster 

TAH 716/718


  1. Symphonie e-moll

Toronto Symphony Orchester, 22.4.1965

Unautorisierte CD

  1. Symphonie e-moll

Wiener Symphoniker

Liveaufzeichnung, Großer Saal des Wiener Musikverein, 22. Juni 1950

ORFEO C 279 921 B

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung  CD867


 '8.Symphonie Es-Dur

Berliner Staatskapelle,  8. Oktober 1951, nur: Veni Creator Spiritus

Rita Meinl-Weise, Sigrid Ekkehard, Anneliese Müller, Gertrud Prenzlow, Herbert Reinhold, Kurt Rehm, Willi Heyer-Krämer 

TAH 112, 147

  1. Symphonie, Es-Dur

Wiener Symphoniker, Wiener Singakademie, Der Wiener Kammerchor

Wiener Sängerknaben

Elsa Maria Matheis, Daniza Ilitsch, Rosette Anday, Georgine von Milinkovic

Erich Majkut, Otto Wiener, Georg Oeggl

Franz Schütz

Live-Mitschnitt  Wien, Großen Konzerthaussaal, 13. Juni 1951 anläßlich der Wiener Festwochen

TAH 120, 1995

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung CD3475

Diese CD wurde produziert nach den Tonbändern, die sich im Nachlaß Hermann Scherchens befanden.

Bleibt hinzuzufügen, daß Hermann Scherchen, im Konzert, das Scherzo gekürzt/eingestrichen hat; es erschien ihm zu lang. Scherchen war nicht allein mit seiner Einschätzung des „zu lang“; ähnliche Striche nahmen auch andere Dirigenten vor, u.a. Dimitri Mitropolous, Leopold Stokowski oder Otto Klemperer

Die Schallplatten/LP, die von der Symphonie veröffentlicht wurden (vor der Erfindung der CD) wurden damals unter sehr schlechten Bedingungen produziert; auch aus finanziellen Erwägungen heraus wurden viele Kürzungen vorgenommen, damit die geplante Zahl der LPs eingehalten werden konnte. 9)


  1. Symphonie D – Dur

Wiener Symphoniker

Wien, Großer Musikvereinssaal, 13.6.1950

Orfeo C 228 901 A 10)

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung CD418

 

  1. Symphonie Fis-Dur

Adagio

Wiener Staatsopernorchester, 1953

LP, CD Standort Japan

  1. Symphonie Fis-Dur

Adagio

R(adio) S(ymphonie) O(rchester), Leipzig

Sona Cervena

Liveaufzeichnung eines Konzertes vom 1.u. 4. Oktober 1960

CD :TAH 497 /498 

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung CD3415 

 

Kindertotenlieder, nach Gedichten von Friedrich Rückert 

Lieder eines fahrenden Gesellen, nach eigenen Texten und nach Worten aus „Des Knaben Wunderhorn“

Alt: Lucretia West

Orchester der Wiener Staatsoper, aufgezeichnet Juni 1958

Westminster 3011 - TAH 646

In der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek, Musiksammlung CD6155


Im Bouclet Westminster 3011, TAH 646 informiert René Trémine über die Probleme der technischen Überlieferung und der Rekonstruktion der Aufzeichnungen/Tonbänder für diese CD: 


 …Les bandes originales des Lieder de Mahler n’existant plus, le Studio Art et Son de Paris a réalisé une copie droite du microsillon Westminster XWN 18842, que nous avons ensuite restaurée (correction des tonalités et de la dynamique, decrackling, etc.).
Und er fährt fort:

 … Avec ce programme éclectique (Mahler, Liszt, Saint-Saens), nous mettons un point final à la réédition – sous licence Deutsche Grammophon – d’un certain nombre d’enregistrements que Scherchen réalisa pour la firme américaine Westminster, de 1950 à 1964 et qui ne furent pas publiés par Universal Victor Japan dans la grande série de 50 CD qui vit le jour en 1998 -1999 et qui, malheureusement, ne fut jamais distribuée en Europe et en Amérique. …


Scherchen enregistra pour Westminster les symphonies 1, 2, 5, 7 et l'Adagio de la 10. La Huitième, issue d'un concert public viennois de 1951, avait fait l'objet d'une publication en microsillon par Columbia. Nous avons réédité ce document (Tah 120): il faut admettre que la qualité sonore de cet enregistrement était fort médiocre, surtout pour cette œuvre nécessitant un effectif orchestral et choral énorme. La revue Répertoire « assassina » ce CD, clamant qu'il s'agissait d'une « épave » et parlant des « rubatos baveux » (sic) de Scherchen. La revue anglaise Gramophone fut plus clairvoyante et moins sectaire, évoquant « un enregistrement d'une valeur artistique incommensurable »...   
Enfin, après de longues et difficiles tractations dues aux problèmes liés à la réunification allemande, Tahra a pu mettre à la disposition des mélomanes des enregistrements très intéressants réalisés en public à Leipzig, des Troisième et Sixième.

1)Anmerkung:

Myriam Scherchen, geboren 1951, Übersetzerin, lebt in Buzan,cais, Frankreich, Vertreterin der Erbengemeinschaft ihrer acht Geschwister. René Trémine (1944 - 2014), ihr Lebenspartner, ehem. Ingenieur, großer Liebhaber (mélomane) der Musik wie der Photographie. 

Der Tod von René Trémine im Februar 2014 setzte der Produktion den Schlußpunkt, nicht aber der Auslieferung


2)Anmerkung:

  1. Mechtild Kreikle, Hermann Scherchen, 1891-1966. Phonographie, Frankfurt/M.1991


3)Anmerkung:

Das Label Westminster, ursprünglich eine amerikanische Plattenfirma, 1949 gegründet, machte vor allem im Wien der Nachkriegszeit und in Winterthur,  Schweiz – aus Kostengründen – zahlreiche Einspielungen. Kurt List, eine ehemaliger Schüler von Alban Berg, nach USA emigriert gehörte ab 1951 zum Team; er stellte den Kontakt Scherchen-Westminster her.

Bei Westminster wurde technisch mit einem „natural balance“ genannten monauralen Aufnahmesystem gearbeitet, das bereits ein quasi-räumliches Klangbild realisieren konnte. In den 50er Jahren wurde dieses System mit der Erfindung der Stereophonie technisch weiter entwickelt. Dem an akustischen Lösungen für Einspielungen immer lebhaft interessierten Scherchen kam dies naturgemäß sehr entgegen.


4) Anmerkung

Ich erlaube mir den sehr kurzgefaßten Hinweis auf die völlig veränderten Hörgewohnheiten seit Erfindung der digitalen Aufzeichnung; hinzu kommen veränderten Spieltechniken und auch instrumentale Veränderungen, wie z.B. bei Streichern die Verwendung der Stahlsaite statt der umsponnenen Darmsaite usw. Zusammengenommen bestimmen diese Faktoren das Klangresultat. 


5)Anmerkung:

Die Schellack-Aufnahmen/LP:

René Trémine, A Discography. Bézons 1999. Ed. TAHRA

Mit Mitte der 50er Jahre wurden Scherchens Auftritte in Wien seltener, bis sie ganz aufhörten. Die Ursachen dafür sind vielschichtig.


6 ) Anmerkung:

Zit.:

Mahlerhandbuch, s. 466

Die im Zitat genannte Aufnahme „der Fünften von 1965“, erschien in TAH 422; sie entstand 1964. Scherchen befand sich auf Amerika-Tournee. Es spielt das Philadelphia Orchestra, die Aufnahme ist in Stereo.


7) Anmerkung:

Der Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989, der Vertrag der Wiedervereinigung 1990 gab den Weg frei für (bis dahin meist unzugänglich) das unterschiedlichste Archivmaterial, darunter auch bisher unbekanntes Medienmaterial.  


8)Anmerkung:

Zit.:

Répertoire des disques compacts, Paris.

Die Revue Répertoire erschien von 1988 -2004


9 )Anmerkung:

Bouclet zu TAH  120:

René Trémine berichtet über den „Rettungs-Versuch“ der Live –Aufzeichnung dieses Konzerts vom 13. Juni 1951.

Für den anglo-amerikanischen Raum waren Striche etwas absolut „normales“. Ich möchte in diesem Zusammenhang daran erinnern, daß auch Mahler Eingriffe in eine Partitur vornahm … Aber das Thema Originaltext/ -partitur oder Bearbeitung/Arrangement ist so alt wie die musikalische Praxis selbst.


10) Anmerkung:

Aus dem Bouclet, Gustav Mahler, Symphonie No 9, D-Dur, Wiener Symphoniker, Hermann Scherchen Orfeo d’or; 1990

Die CD wurde erstellt nach einem Live-Mitschnitt im Großen Musikvereinssaal, 19. Juni 1950

BW mit Arnold Schönberg  (damals unveröff. , auch heute noch?)

Schreibt SCH an Schönberg: 11.6.1950

… dann geht’s noch einmal nach Wien zu den Aufnahmen der VII. und IX. Mahler und des ‚Musikalischen Opfer.‘ …

28.6.1951:

… In Wien habe ich eben die VII. und IX. Mahler für die RAVAG auf Tonband aufgenommen. Leider, wie fast immer, mit ungenügenden vorbereitungsmöglichkeiten. Dennoch schien mir der Bedeutung Mahlers wegen, gerade in … wien, selbst dieses Provisorium von höchster Bedeutung, umsomehr, da es meiner Liebe zu dieser Musik gelungen ist, das ganze Orchester zur freudigen und zum Teil begeisterten Hingabe an das Werk Gustav Mahlers zu zwingen …


ANHANG:

Aus dem Archiv des ORF wurden folgende Bestände genannt, aus dem Jahr 1932


ff 19460517

Ein großer Österreicher. Vor 35 Jahren starb Gustav Mahler

Rt 1932

Orchesterkonzerte, Konzerte des Wiener Sinfonieorchesters, Gastdirigenten

rw- 19261101

Gustav Mahlers Kindertotenlieder

rw-192320219

Sinfoniekonzert. Leitung: Hermann Scherchen als Gast.

Gustav Mahler, Vier Lieder für Sopran und Orchester. Ich atmet …

rw-19320304

Aus der Volksbühne: Gustav Mahler Sinfonie Nr.7, Berliner Funkorchester. Dirigent: Generalmusikdirektor Dr.h.c. Hermann Scherchen

rw-19320318

Gustav Mahlers II. Sinfonie

rw-19320401

Abendkonzert des Rundfunkorchesters, Leitung: Generalmusikdirektor Dr. Hermann Scherchen als Gast. 2. (Symphonie?) Gustav Mahler: Vier Lieder für Sopran und …

Rw-19320520

Gustav Mahlers 7. Sinfonie

rw-19320819

Sinfoniekonzert. Dirigent: Hermann Scherchen, Die Sinfonien Mahlers


SCHLUSSBEMERKUNG


Hermann Scherchen ist in der Literatur der Mahler-Rezeption kein Unbekannter  mehr – wie es sich noch 1986 dargestellt hatte.  Ich habe versucht anhand der kursorischen Dokumentation und Darstellung des Dirigenten Scherchen, denn das Gesagte gilt selbstverständlich auch für seine Mahlerinterpretation, herauszukristallisieren, wo seine Stärken lagen, was seine „Schwächen“ waren. Wesentlich aber bleibt: Scherchen wollte nicht nur Musik aufführen, er wollte Menschen, seine Hörer, ob im Konzertsaal, am Radio in das Wesen der Musik hineinführen. Dafür setzte er alle ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Möglichkeiten ein: Vorträge, Einführungen, Schriften, Arbeitstagungen – und als Summe aller seiner Intentionen - Konzerte.  Mit den Worten von Jens Malte Fischer möchte ich diese Annäherung an „Scherchen dirigiert Mahler“ schließen: 


… Hermann Scherchen, …, hat bis auf die Sechste 1)alle Symphonien irgendwann eingespielt oder mitschneiden lassen, … . Scherchens Mahler verblüfft durch energisch durchgepeitschte  Muskolosität, da rutscht nichts in Harmlosigkeit oder Nettigkeit ab, da ist alles tiefernst, stürmisch (mit teilweise allzu rasanten Tempi) und emphatisch: Wo jedoch Zeit zum Atmen und Ausschwingen sein müßte, da vergewaltigt Scherchen Mahlers Musik durch seinen grimmigen Ausdruckswillen.  …  als eine extreme Lesart immer aufregend. …

 

1)      Anmerkung

Jens Malte Fischer, S. 887f.

Scherchen hat in Leipzig folgende Konzerte mit Mahler dirigiert:

23.1. 1921 – III. Symphonie; 20.2. 1921 – V. Symphonie;

12.9.1921 -  VI. Symphonie; 18.9. 1921 – IX. Symphonie


LITERATURANGABEN

 

Primärquellen:

Nachlaß Hermann Scherchen, Archiv der Akademie der Künste, Berlin

www.adk.de/de/archiv/archivbestand

 

Zum phonographischen Nachlaßteil:

Mechthild Kreikle, Hermann Scherchen, 1891 -1966. Phonographie. Frankfurt/M. 1991

 

Genutztes Material für das Manuskript aus dem schriftlichen Nachlaß:

HSCH 1368 „ Mein erstes Leben“, maschinschriftliches Manuskript mit handschriftlichen Korrekturen. Fragment

Publ. in :

Werke und Briefe, Hg. Joachim Lucchesi. Schriften. Bd.1. Berlin, Wien, New York  usw. 1991.  (Mehr nicht erschienen)

Mes deux Vies'. Récit Autobiographique. Trad. De l’allemand par Myriam Scherchen, Adaptation fran,caise par René Trémine. Clichy 1992, Ed. TAHRA

 

HSCH 1704, Notizbuch 1947

HSCH 1753, Notizbuch 1962

Anmerkung:

In beiden Notizbücher notiert Scherchen nur den Namen des Komponisten Mahler; vermutlich Überlegungen zu einer Programmzusammenstellung

 

HSCH 1172,  4 Blätter handschriftliche Notizen über und zu Gustav Mahler, speziell zur X. Symphonie, stichwortartige Notate, teilweise schwer lesbar

 

HSCH 1174,   1 Blatt r°/v° handschriftliche Notizen über Gustav Mahler, VIII. Symphonie, transkribiert s. Abschnitt: Der Dirigent, Anmerkung 30

 

  1. BÜCHER:

Hermann Scherchen,

Lehrbuch des Dirigierens', Leipzig 1929, Schott, Reprint 1953

Vom Wesen der Musik', Winterthur 1946

 Musik für Jedermann, Winterthur 1950

  1. BUCHPROJEKTE:

In einem Brief an Werner Reinhart vom 11. Juli 1930:

… Ich selbst bin schon mitten in der Arbeit zu meinem 2. Musikbuch, „Tradition und Wiedergabe“ …

Das Schreiben(im Archiv des Musikkollegium Winterthur) nennt das Projekt, Material ist nicht überliefert.

Zit. : Austellungsverzeichnis Hermann Scherchen. Musiker, 1891-1966, Berlin Akademie der Künste 1986 , S. 19, 9.7

 

Über die Symphonien von Franz Schubert', (tit.fict.), Materialien (maschinschriftliches Manuskript, handschriftliche Notizen)  zu einer Publikation, vermutlich 1936/37 entstanden, das Konvolut befindet sich im Nachlaß Scherchen

 

Die Kunst des Dirigierens', Notate im Nachlaß Scherchen

Dazu Scherchen an Dallapiccola, 23.5.1950

 … ich habe noch auf der Rückreise ein neues Buch begonnen: ‚Die Kunst des Dirigierens‘ …

Zit. : Austellungsverzeichnis Hermann Scherchen. Musiker, 1891-1966, Berlin Akademie der Künste 1986 , S. 19, 9.8

 

  1. ZEITSCHRIFTEN, initiiert und herausgegeben von Hermann Scherchen:

Melos', Halbmonatsschrift für Musik. Hg. von Hermann Scherchen. Berlin 1920f. Mit Beiträgen von Hermann Scherchen

Anmerkung:

1921 gibt Scherchen Redaktion und Herausgeberschaft ab; die Zeitschrift für zeitgenössische Musik erlebt ein wechselvolles Schicksal bis zur endgültigen Einstellung 1992

Musica Viva', Vierteljahresschrift in vier Sprachen, Brüssel, im Verlag Ars Viva 1936/37, Nr. 1-3, dann eingestellt.

Mit Beiträgen von Hermann Scherchen

Gravesaner Blätter' , Vierteljahresschrift für musikalische, elektroakustische und schallwissenschaftliche Grenzprobleme. Mainz, Ars viva/Schott 1955 – 1966. Mit Beiträgen von Hermann Scherchen

 

  1. Zahlreiche Einzelpublikationen, deren Umfang noch keineswegs erfaßt ist. 

Für die vorliegende Publikation:

Hermann Scherchen, Gustav Mahler, der Musiker-Philosoph.

In: Freie Deutsche Bühne, hg. Max Epstein, Emil Lind, Berlin 1920, 1. Jg. Nr. 19, S. 446 ff.

 

  1. Schriften, Briefe, Dokumente von Hermann Scherchen, publiziert nach 1966:

… alles hörbar machen.' Briefe eines Dirigenten 1920 – 1939. Hg. Eberhardt Klemm. Berlin- DDR 1976

 

Aus meinem Leben. Rußland in jenen Jahren. Erinnerungen. Hg.

Eberhardt Klemm. Berlin-DDR 1984 .

In den Anmerkungen: Zit.: Klemm, …

Der Text  „Aus meinem Leben“. Rußland in jenen Jahren“, Buchausgabe Berlin 1984 basiert auf einer Tonbandaufzeichnung von 1957, die dem Verlag Kunst und Gesellschaft - Henschelverlag, Berlin (Ost)  von der Akademie der Künste, Berlin (West) freundlicherweise zur Verfügung gestellt worden war.

Das Tonband entstand als Basismaterial für eine Sendung über den Dirigenten.


Werke und Briefe, Hg. Joachim Lucchesi. Schriften. Bd.1. Berlin, Wien, New York  usw. 1991.  (Mehr nicht erschienen)

In den Anmerkungen: Zit.: Lucchesi


Mes deux Vies'. Récit Autobiographique. Trad. de l’Allemand par Myriam Scherchen, Adaptation fran,caise par René Trémine. Clichy 1992, Ed. TAHRA


René Trémine, A Discography. Bézons 1999. Ed. TAHRA

  1. Kompositionen, Bearbeitungen, Arrangement:

In : Komponisten der Gegenwart, verzeichnet von Thomas Schipperges, 9. Nachlieferung,  München ed. Text+Kritik 1996

 

Zitierte bzw. eingesehene  Sekundärliteratur, eine Auswahl

Nicht genannt sind Suchmaschinen

Th.W.Adorno', Drei Dirigenten, Musikblätter des Anbruch, Wien 1926, H. 7,

  1. 315ff.

 

Stefan Amzoll,

Hermann Scherchen – Größe und Grenzen. Radio-DDR- Musikklub, Sendung im Juni 1986 auf Radio DDR II. Eingespielt wurde zu diesem Gespräch der Beginn des Adagio, 10. Symphonie von Gustav Mahler, in einer Aufnahme mit dem RSO Leipzig, 4.10.1960 unter Scherchen in Leipzig, Sendesaal.

Teilnehmer der Gesprächsrunde waren u.a.: Hansjörg Pauli, Stefan Amzoll, Eberhard Klemm, Harry Goldschmidt

Das Gespräche wurde publiziert in:

Kunstwerk und Biographie. Gedenkschrift Harry Goldschmidt, hg. von Hanns –Werner Heister, Berlin 2002, Weidler Buchverlag S. 393ff


Kurt Blaukopf, Gustav Mahler oder der Zeitgenosse der Zukunft. Wien, München, Zürich 1969, erw. Ausg. Wien 2011

 

Jörg Clemen, Mitteldeutscher Rundfunk. Die Geschichte des Sinfonieorchesters. Allenburg 1999

 

Heinz J. Ferlesch', Hermann Scherchen – ein Musiker im Dienste der Neuen Musik. Wien 1995, Dipl. Arbeit

 

Jens Malte Fischer, Gustav Mahler. Transl. by Stewart Spencer. New Haven, London 2011. Yale Univ. Press


Carl f. Flesch, … und spielst du auch Geige?. Der Sohn eines berühmten Musikers erzählt und blickt hinter die Kulissen. Zürich 1990

 

Christian Glanz, Der bedrängte Anwalt. Zu Bruno Walters Mahler -Verkündigung im Kontext der österreichischen Zeitgeschichte. In:

Bruno Walter erinnern. Internationales  Symposium. Hg. Michael Staudinger, Wien, Universität für Musik und darstellende Kunst 2012, S. 23 ff.


Markus Grassl, Reinhard Kapp'(Hrsg)

Verhandlung des Internationalen Kolloquium Wien 1995.

Wien.  Die Lehre von der musikalischen Aufführung in der Wiener Schule. Köln Böhlau 2002

 

Gustav Mahler. Interpretationen seiner Werke. Hg. Oliver Korte, Peter Revers, Laaber 2011

 

Gustav Mahler – Arnold Schönberg und die Wiener Moderne. Hg. Karl Katschthaler. Frankfurt/M. 2013

 

Mahler-Handbuch. Hg. von Bernd Sponheuer, Wolfram Steinbeck, Stuttgart, Weimar 2010


Christoph Metzger, Mahler – Rezeption. Perspektive der Rezeption Gustav Mahlers. Wilhelmshaven, Florian Noetzel Verlag 2000. Tb zur Musikwissenschaft, 136

 

Willi Reich, Musikalische Arbeitstagung in Brüssel, In: Musikblätter des Anbruch, 17. Jg., H.8, s. 211 ff.

 

 

 

Hermann Scherchen. Musiker , 1891 -1966. Ein Lesebuch, zusammengestellt von Hansjörg Pauli und Dagmar Wünsche. Berlin 1986.

Ausstellungsverzeichnis zur gleichnamigen Ausstellung 31. August – 19. Oktober 1986. Akademie der Künste, Berlin

 

Gerhard Scheit, Wilhelm Svoboda', Feindbild Gustav Mahler. Zur antisemitischen Abwehr der Moderne in Österreich, Wien 2002, Sonderzahl Verlagsgesellschaft

 

Paul Stefan, Hermann Scherchen, In: Musikblätter des Anbruch, 12. Jg. H.1., 1930, S. 30


Paul Stefan, Die Schweiz in der deutschen Musikgeschichte. Scherchens Wiener Studio, In: Musik des Anbruch, H.8, Oktober 1932, S. 184f.


(Paul Stefan), Hermann Scherchen und seine Brüsseler Arbeitstagung,

In: Musikblätter des Anbruch, 17.Jg., H. 5, S. 147f.


ANHANG:


IM NACHLASS SCHERCHEN SIND VORHANDEN:


VIII. Symphonie: Studienpartitur und Dirigierpartitur mit hs.Eintragungen

  1. Symphonie: Partitur, ed. Kahnt N.Y. bezeichnet mit „Andante“, mit hs. Eintragungen

Lt. Partiturenverzeichnis aus Gravesano, (liegt im Nachlaß), gab es eine Partitur zur II.Symphonie, die allerdings an den Dirigenten und Mitarbeiter Francis Travis ausgeliehen wurde und nicht mehr im Nachlaß auffindbar war.


HSCH 1174 1 Blatt handschriftliche Notizen über Gustav Mahler, VIII. Symphonie


TRANSKRIPTION AUS DEM NOTIZBUCH


VIII. Mahler

1 Veni creator Spiritus (Heiliger Geist komme)

2 Faust II. Teil –Schluß  MAN

­­­­­­­­­­­­___________

 

Tonalitätsorgien!Große tonale Abschnitte

Harmonischer Contrapunkt (Vielstimmigkeit)

Theatralische melodik. Italianisierend

__________________________________

Versuch: mit einfachen Zungen zu sprechen

Die „Pfingsterweckung“



 

Die geniale Deklamation des II.Teils:

(fremde Bilddarstellung)

Den Textsinne enthüllend, verdeutlichend

Aufbau: tutti(Orchester), Orgel, Soli/Chor)

Wechselspiele:Orchester/“acapella“/Soli mit Begleit./Solo mit Chor/Chor

mit Orchester/Chor und Soli

Höhepunkt des sängerischen Rollen(?)bewußtseins: alle materiellen u. geistigen zur Verfügung. Sinfonie der 1000. Katholizismus+Judentum+Europäertum Göthes.

Van Beinum // Dr. Mengelberg// Vorstand(?)// Zimmermann// Der Jude Gustav Mahler zum Jubiläum!//

Egmont? Wann? Hallelujah? Wann? Feier!

Wie steht das heut? Was von diesen Extasen und Überwältigungen ist geblieben!

Stil: die Sublimierung der Materie

Die einfache Versinnlich(ung) des Geistigen

Verhaltenheit/Ausdrucksmelodielinie

Dolcissimo, also nicht /spontan/ zu singen u. spielen//Die Stilfrage entscheidend// Optimistisch? Abschließend, zusammenfassend konstatierend sich (unleserlich) kein neues Ziel mehr, weder materiell-musikalisch, noch geistig-ideell. Zusammenfassung ? Synthese? Kalte Bewunderung hervorrufend? Rausch? Kollektiv? Individualismus? Lang? Massiv?

Das Institut: 50. Sein Gewordensein. Die Kraft der Reife. Menschliches = Musizieren = n. Orchesterp.


KOMMENTAR:

Aus den flüchtig niedergeschriebenen Wort- und Satzbruchstücken kristallisiert sich heraus:

Scherchen stellt fest, daß von der(seiner) jugendlichen Überwältigung zur VIII. kaum mehr etwas übrig geblieben ist. Die Faszination ist geblieben, die Auseinandersetzung mit dem Kosmos Mahler ungebrochen.


DANKSAGUNG:

Viele ehemalige Kollegen haben mich mit Rat und Tat unterstützt, in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbilbiothek wie auch im Archiv der Akademie der Künste, Berlin. Bei ihnen allen möchte ich mich sehr herzlich bedanken. Des weiteren gilt mein Dank der Archivarin Frau xxx vom ORF für die Angaben zu den Radioprogrammen 1932, dem Archivar Herrn xxx in Zwickau für Georg Göhler. Meinen besonderen Dank spreche ich Myriam Scherchen aus, die mir – jahrelang freundschaftlich verbunden wie auch René Trémine – mit vielen weiteren Hinweisen geholfen hat und die Zustimmung zur Veröffentlichung der Texte ihres Vaters erteilt hat.