Fini und ihr Cello. Ein musikalisches Märchen

Aus Dagmar Saval Wünsche

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FINI UND IHR CELLO

Ein Märchen-Abenteuer mit Musik

von Dagmar Saval


Unlängst war ich mit meinem Cello unterwegs, da sprach mich ein Fremder an. “Das Instrument ist doch sicher sehr schwer, für Sie doch ganz bestimmt zuuuuuuu schwer … . Wie können Sie damit überhaupt gehen?” – Nur mühsam unterdrückte ich ein Kichern und antwortete ganz ernsthaft: “ Aber nein, es ist bloß unhandlich, man kommt halt daher wie ein großer Maikäfer.” Der Fremde schaute etwas verblüfft und meinte dann leicht resignierend: “ … Was die Leut so alles für die Kunst tun… ” und machte sich davon, während ich in mich hinein-murmelte: ”… Aber es ist sehr viel schwieriger, im Zimmer zu sitzen und zu üben, wenn draussen die Sonne endlich wieder scheint.”

 Aber auch das stimmt nicht wirklich … . Töne, Klänge sind viel verführerischer, noch verführerischer, wenn man mit ihnen spielen kann. Während ich das so vor mich hinsinnierte, fiel mir das kleine Mädchen Fini ein, das ich unlängst kennengelernt hatte in der U-Bahn; sie mit ihrem ¾ Cello, ich mit meinem großen Cellokasten. Wir plauderten und dann erzählte sie mir die Geschichte ihres Cellos.

Es war gar nicht so lange her, da mußte sie noch Klavier spielen. Sie mochte aber nicht Klavier spielen,  da mußte man ständig üben, und das mochte sie nun überhaupt nicht. Sie dachte, das Klavier würde sich schon so von allein spielen … . Finis grösster Wunsch war: sie wollte Cello lernen, sie wollte dieses wunderbare Instrument spielen können.

Aber in der Familie hatten die Mädchen schon immer Klavier gespielt, das Klavier stand ohnedies im sogenannten Wohnzimmer, darum musste auch Serafina, so hiess das kleine Mädchen, das allgemein Fini gerufen wurde, Klavier spielen lernen. Also lernte Fini mehr unwillig als willig Klavier. Zum Üben musste man sie freilich immer wieder überreden, eigentlich zwingen. Das ging dann ungefähr so: Fini saß in ihrem kleinen Zimmerchen und sie versuchte vielleicht gerade dem Mond das Lächeln beizubringen mithilfe ihrer Farbstifte, da erklang es schrill und durchdringend: “Fini! Fini! Üben! ... “

Fini tat so als hätte sie nichts gehört. Noch einmal, diesmal lauter und schon etwas ärgerlich: “FINI! ÜBEN!” Etwas widerwillig schob Fini ihren Sessel zurück, aber bevor sie noch nach den Noten greifen konnte, die sie schon neben die Tür gelegt hatte, erklang es erneut und dieses Mal sehr unfreundlich: “FinIIIIIIIIIIIIII!” Seufzend öffnete Fini ihre Tür - es war so schön gewesen dem Mond das Lächeln  beizubringen und dabei hatte es schön geklungen, als er sein breites Lächeln anfing aufzusetzen und nun  dies!  Warum nur mußte man immer gehorchen; vor allem wenn man noch klein war! Sie wollte doch gar nicht Klavier spielen, sie wollte die Zaubertöne selbst machen, die sie einmal gehört hatte, und die einem Cello gehörten!

Es gab aber eine Ausnahme, da setzte sich auch Fini fast freiwillig an das Klavier. Das war immer dann, wenn Sommer war. Das Warum war ihr Geheimnis. Fini war ganz verrückt nach Klang, und wenn sie warme Finger hatte, - und die hatte sie nur, wenn es warm war, dann liebte sie es, diesem schwarzen Ungeheuer mit den schwarz-weissen Tasten – Klänge, schöne Klänge zu entlocken – aber so sehr sie sich auch bemühte, das Ergebnis gefiel ihren Ohren meistens gar nicht; ihre Ohren meinten, dass diesen Klängen etwas ganz Wichtiges fehle….diese Klänge konnten nicht singen. Sie waren zwar soweit in Ordnung, laut oder leise oder auch einmal ein bisschen dazwischen, aber sie waren irgendwie so unpersönlich, leer und singen, nein singen konnten sie nun überhaupt nicht. Ihnen fehlte etwas, etwas ganz besonderes, Fini konnte es nicht genau beschreiben, Klang war für sie gleichbedeutend mit Musik, aber auch mit Wärme oder – ach, es war etwas, das sie nicht wirklich beschreiben konnte. Traum, Zauber?

 Irgendwann einmal hatte sie die Erwachsenen sagen hören, das wäre poetisch. Sie hatte gefragt: Was ist das, poetisch? Die Erwachsenen hatten sich angesehen und ganz seltsam gelächelt. Endlich entschloss sich einer ihr zu antworten :” Das ist so……. Wie wenn du schwebst. Verzaubert, bezaubert, voller Liebe”. Fini verstand zwar absolut nichts, aber dann kam es: Es klingt wie ein Celloton.

Fini gab nicht auf, den singenden Klang im Klavier zu finden. Sie meinte, es läge vielleicht doch an ihr, an ihren mangelhaften Kenntnissen, und so probierte Fini stundenlang herum. Manches Mal liess sie die Finger länger auf der heruntergedrückten Taste liegen, den Fuss auf dem Dämpferpedal stehen, aber irgendwie waren das nur Tricks, sie konnten den Klängen das Singen nicht beibringen.

 Liess sie die Taste los, dann war der Klang sofort verschwunden – wohin, das hätte Fini gar zu gern gewusst. Sie fand sich irgendwie damit ab, dass es eben beim Klavier so sein müsste - aber sie träumte davon, einmal ein Cello spielen zu können, sie wußte ganz genau, daß ein Cello singen kann. Wie sie selbst - sie hatte eines Tages entdeckt, dass sie singen konnte, allerdings das musste sie widerwillig zugeben, dabei hatte ihr das Klavier geholfen.

Das war so gekommen: als Fini wieder einmal unwillig den Deckel zuwarf, weil das Klavier schon wieder nicht singen wollte, da sagte eine tiefe Stimme: “Nun hör mir doch einmal richtig zu und versuch die Töne, die du da spielst, nachzumachen. …Do re mi fa sol la si do …” kam es im tiefen Bass aus dem Klavier. Fini staunte, sie war ganz verblüfft, sie fand das irgendwie komisch, aber warum eigentlich nicht? Also stellte sie sich hin, drückte auf die Tasten “…do re mi fa sol la si do …” sagte sie immer wieder auf. ” Do re mi fa sol la si do” und noch einmal und noch einmal und mit jedem “doremifasollasido” ging es besser … Fini konnte singen!  Zwar war sie mit ihrer Entdeckung noch nicht so richtig zufrieden, es klang beim ersten Mal noch gar nicht schön, aber mit jedem Mal wurde es besser. “Siehst du, murmelte das Klavier, “nur mit Übung kommst du weiter … jetzt kannst du schon ein paar Töne singen!”

 Aber es half alles nichts, Fini mochte das Klavier einfach nicht, auch wenn es sich noch so sehr bemühte, Fini neue Dinge zu zeigen, was sie denn so alles auf dem Klavier zaubern konnte. Aber Fini wollte nicht mit Tasten zaubern, sie wollte mit Klängen zaubern, mit Klängen, die singen konnten. Musik machen. Wenn Fini ihre Klangversessenheit so richtig austoben wollte, dann griff sie auch zu ihren Buntstiften … eines Tages, nachdem sie etwas gehört hatte, was ihr wehtat, hatte sie einfach die Augen zugemacht und plötzlich waren da Farben zu den Tönen. Sie hatte dann zu ihren Stiften gegriffen, und damit die Klänge nicht wieder fortlaufen konnten, hatte sie versucht, die Töne mit den Buntstiften festzuhalten. Die tiefen Töne – das waren ganz dicke Farbkleckse – rot oder blau, oder gelb oder lila oder auch schwarz oder vielleicht auch einmal ein bisschen weiss… und plötzlich erklang es aus dem Nebenzimmer mit hoher Stimme…: “ …und für die hohen Töne – für die, die leuchten, nimmst du am besten gelb oder rot, und für die ein bisschen spitzen,die die stechen- grün, so richtig giftig, schön giftig grün!!”.

 Das Klavier war plötzlich richtig nett zu Fini, half ihr wo sie es brauchte, um  Fini davon zu überzeugen, dass man ihm, dem Klavier, doch Klänge entlocken konnte. Aber Fini wollte sich nicht überzeugen lassen, sie wollte singende Klänge spielen!!!  Sie wollte Cello spielen, nicht einfach so Klavier, weil es ohnedies schon dastand!   

 Wenn der Sommer sich verabschiedete und es empfindlich kühler wurde, wurde Fini störrisch und rebellisch. Nicht nur, weil Fini das Klavier einfach nicht mochte. Das sogenannte Wohnzimmer wurde selten benützt und noch seltener geheizt. Sparmassnahmen! Wozu heizen, wenn man sich in dem Raum ohnedies nicht aufhielt. Das Kind würde sich in der einen Übestunde schon nicht erkälten, eher sich sogar abhärten! So klang der allgemeine familiäre Tenor, wenn doch einmal jemand versuchte für Finis Übestunde Wärme zu organisieren. Fini hasste nichts so sehr wie Kälte. Wenn die Finger klamm und starr wurden, begann sie auf die Tasten einzudreschen, sie spielte wie ein Holzhacker und wunderte sich sehr, dass sie immer mehr Fehler machte. Und dass es gar nicht mehr klingen wollte. Mit der Kälte hatten sich auch die Klänge endgültig verabschiedet wie die Sommerwärme.

Als sie einmal das Klavier besonders arg malträtiert hatte, weil ihr gar so kalt war, verliess sie das Zimmer mit einem sehr schlechten Gewissen, das arme Klavier konnte schliesslich nichts dafür, dass man es in einen Raum verbannt hatte, in dem es furchtbar kalt war. Fini überlegte sich, dass auch das arme Klavier sicherlich im Winter sehr oft erkältet  wäre, immer unter Schnupfen und Husten leiden musste,- wie sonst wären die Klänge  so ganz und gar verschwunden. Fini dachte dabei an eigene Schnupfenerlebnisse, die immer mit viel Halsschmerzen und auch sonst einigen Unannehmlichkeiten verbunden waren. Sie wunderte sich freilich nur ein wenig, dass das Klavier trotz Schnupfen und Husten keinen Schaden genommen hatte, sondern immer noch willig darauf wartete, von ihr malträtiert zu werden und sich das auch noch gefallen liess ohne sich dagegen zu wehren. Fini beschloss also, dass sie am nächsten Tag, egal wie kalt ihr auch war, besonders freundlich zu ihrem Klavier sein wollte.    

Wie gross aber war ihr Erstaunen, als sie das Klavier am nächsten Tag gar nicht mehr an seinem gewohnten Platz antraf. Es war weg! Spurlos verschwunden! Ein Stückchen weisse Wand grinste Fini höhnisch an und zeigte ihr anklagend die grauen Streifen, die das Klavier mit seinen Kanten, auf ihr, der Wand, zurück gelassen hatte. 

Fini wollte gar nicht glauben, was sie da sah! Es kam ihr sehr merkwürdig vor, dass da kein Klavier mehr stand. Ganz verstört ging sie schlafen und begann zu träumen. Da flog das Klavier durch die Luft und rief immerzu: ”Mich siehst du nie mehr wieder! Ich hab genug von deiner Drescherei!” Und dann höhnisch: ”Wie willst du denn jetzt üben und Musik lernen, wenn ich nicht mehr da bin! Und du wolltest doch eine berühmte Musikerin werden, eine Klangkünstlerin, wenn du einmal gross bist!”

Fini konnte nicht länger schlafen. Sie wachte auf. Das hatte sie nicht gewollt! Aber zuerst einmal musste sie sich davon überzeugen, dass das Klavier tatsächlich nicht mehr da war, das alles nicht nur ein böser Traum gewesen war, dass sein Platz wirklich leer war. War das vielleicht die Strafe dafür, dass sie das Klavier gar zu schlecht behandelt hatte? War es vielleicht trotz seiner Grösse wirklich auf und davon gelaufen?  Während Fini noch so vor sich hin rätselte, ging sie langsam auf das Zimmer zu, in dem sie auf dem Klavier bis vor einem Tag noch geübt hatte.

 Ganz vorsichtig öffnete Fini die Türe erst einmal nur einen kleinen Spalt, das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Was, wenn das verschwundene Klavier wieder zurückgekommen war und nun seinen Deckel öffnen würde um sie, Fini, mit seinen 88 schwarz-weissen Tasten zu verschlingen, als Strafe dafür, dass sie es so schlecht behandelt hatte. Schon immer, wenn sie den Deckel zum Üben öffnete, hatte sie ein wenig Angst bekommen. Diese schwarz - weissen Tasten erinnerten sie an das Krokodil, das sie im Zoo einmal während einer Fütterung hatte beobachten können. Nur: einen kleinen Unterschied gab es doch! aus diesen schwarz- weissen Tasten konnte auch himmlische Musik kommen, wenn man nur fleissig genug übte!

         Aber Musik, das war für Fini etwas ganz anderes – ein anderer Klang als der      Klang, der aus dem Klavier kam.

         Einmal hatte sie jemand mitgenommen in ein Konzert – alles woran sie sich         noch ganz genau erinnerte – war ein alter Mann mit ganz weissen Haaren, der     auf einem merkwürdig geformten Instrument spielte, das er zwischen seine       Knie geklemmt hatte.  Das sei ein Cello, hatte man ihr erklärt. Und dieses         Instrument gab Wundertöne von sich – so schöne, wie sie Fini noch nie gehört      hatte. Von diesem Augenblick an wollte Fini nichts anderes mehr als auf so    einem Instrument, dem Cello, auch solche Zaubertöne zum Klingen, zum     Singen zu bringen. Sie wollte es so gerne lernen – und dafür auch sogar sehr   viel üben!

Als sie diese Bitte aussprach, erklärte man ihr, dass sie noch zu klein wäre, dass man für sie im Lauf der Jahre mehrere Grössen würde kaufen müssen, das alles wäre auch sehr, sehr teuer …, dass Mädchen in dieser Familie schon immer Klavier spielen gelernt hätten … Aber Fini blieb stur! “Ich will dieses Instrument spielen! Ich will Cello spielen!”

Und weil ihr Wunsch so lange unerhört geblieben war, hatte sie ihre Enttäuschung darüber am Klavier ausgelassen, -  bevor es verschwunden war, – es hätte sie also gar nicht erstaunt, wenn sich das Klavier nun an ihr rächen würde.  Indem es sie, Fini, einfach verschlang.

Zitternd und sehr vorsichtig öffnete Fini die Türe immer mehr. Jeden Augenblick zur Flucht bereit vor den 88 schwarz-weissen Tastenzähnen. Als die Türe endlich ganz offen war, riss Fini ganz erstaunt die Augen auf. Das Klavier war gar nicht zurückgekommen! Dafür stand da ein merkwürdig geformter Kasten. Oh! war der aber schön! Rot, leuchtend rot, war er, er hatte einen dicken Bauch, und einen schlanken Hals, auf dem so etwas Ähnliches wie ein Kopf sass. Und es kam Fini so vor als lächelte dieser rote Kasten. Aber das hatte sie sich sicher nur eingebildet! Kasten, auch wenn sie noch so schön rot sind, lächeln nicht. Sie stehen nur einfach da.

Irritiert umkreiste Fini das Ding, hielt es schon für einen verirrten Bewohner aus einer anderen Welt, ein UFO. Während Fini nun den Kasten neugierig umkreiste, rätselnd, was das denn das  für ein Ding sei, ertönte aus seinem Inneren – eine tiefe warme Stimme:”Mach mich doch auf!”

“Oh!, dachte Fini, du kannst ja reden – und dann laut: “aber was geschieht, wenn ich dich aufmache ?”

“Na, das wirst du schon sehen! Trau dich nur, es passiert dir schon nichts!”

Das klang eigentlich ganz beruhigend. Und warum sollte Fini nicht den Versuch wagen, dieses komische Ding zu öffnen. Aber: Vielleicht besass dieser Kasten irgendwo einen versteckten Mechanismus, der zuschnappen und ihr die ganze Hand abbeissen konnte. Fini erinnerte sich ganz genau an diese Drohung, die man immer dann an sie gerichtet hatte,- als sie noch ganz klein war - wenn sie nach Dingen gegriffen hatte, die nicht für  sie bestimmt waren.

“Mach schon!, ich beiss dich nicht! Auch deiner Hand passiert nichts! Befrei mich doch endlich! Ich will hier heraus!” – Oh, das klang aber schon sehr ungeduldig und auch gar nicht mehr so freundlich und einladend.  Also sammelte Fini ihren ganzen Mut ein, gab ihrem Herzen einen Stoss und näherte sich ganz vorsichtig diesem UFO. Sie untersuchte es behutsam, denn sie wusste nicht, wie und wo sie es öffnen sollte.

“An der Seite sind Schnallen- klapp sie auf, das geht ganz einfach, du wirst sehen, dann geht auch die Tür zu meinem Haus auf!”

Fini öffnete also die Schnallen,  – und  siehe da! der rote , geheimnisvolle Kasten öffnete sich langsam, ganz langsam –und dann riss Fini ihre Augen auf, ganz gross, sehr staunend. Was war denn das! Was war das für ein Zauberding, das da auf einem dunkelblauen, sanft silbrig schimmerndem weichen Hintergrund stand! So ein Ding hatte auch der alte weisshaarige Mann in den Saal gebracht,bevor er sich damit hingesetzt hatte um ihm die Zaubertöne zu entlocken.

War das vielleicht ein Cello ? Und es glänzte mit der Sonne um die Wette, jetzt lächelte es Fini sogar freundlich an und seufzte dabei erleichtert: “ Ja, ich bin ein Cello! Jetzt kann ich wieder atmen. – Endlich!” Und es gähnte ausführlich. ”Das hat aber lang gedauert! Bis du mich befreit hast.” Und dann sehr sanft: “Freust du

dich !?”

Fini wusste gar nicht, was sie sagen sollte … Ehrfürchtig staunte sie das ihr unbekannte Wesen an, das ihr so vertraut vorkam. War das wirklich ein Cello? Sie glaubte zu träumen. Aber sie war doch wach und sie träumte nicht in ihrem Bett! Um ganz sicher zu gehen, dass sie wirklich wach war, zog sie so lang an ihrem Zopf, bis es wehtat. Das machte sie immer, wenn sie sich davon überzeugen wollte, dass sie nicht in ihrem Bett lag und träumte.

“Du wolltest doch schon immer lieber Cello spielen als Klavier! Also hier bin ich! “ – Fini staunte – woher wusste denn das Cello von ihrem ganz geheimen Wünschen! Ein bischen unsicher näherte sich Fini nun dem Kasten, in dem das Cello stand. Sie begriff langsam, dass sie das Instrument aus dem Kasten nehmen musste. “Stimmt, murmelte das Cello. Fini erschrak – nun wusste sie, dass das Instrument Gedanken lesen konnte. Das war ein wenig unheimlich – und doch, sie griff voller Begeisterung nach dem Instrument. Endlich! Ein Traum war in Erfüllung gegangen. Am liebsten hätte sie jetzt einen Indianertanz veranstaltet, -“ na, mach das doch ! “sekundierte das Cello. Aber zuerst wollte sie doch lieber das Cello aus seinem Haus herausholen, es befreien, es könnte ja sein, dass es böse wurde und sich dann wieder auf und davonmachte. Die Erfahrung mit dem Klavier hatte Fini vorsichtig gemacht.                   

“Autsch! Du tust mir weh! Du musst schon ein bischen vorsichtiger sein- du  erwürgst mich ja … Fini verstand kein Wort. – “Ich bin nämlich aufgehängt.”

Ach so, und sie schaute vorsichtig in das rote Haus hinein. Tatsächlich, der Kopf des Cello, “ das heisst Schnecke” erklärte das Cello, hing in einer Schlinge und dann war es noch am Griffbrett, wie das Cello erklärte, noch einmal fest angebunden. Verständlich, dass da das arme Cello bei soviel Angebundensein das Gefühl hatte, man wolle es erwürgen.

Ganz vorsichtig folgte Fini dem Rat des Cellos. Sie löste das Gummiband an der Schnecke und die beiden anderen unteren Bänder. Dabei murmelte das Cello: “ Du musst mich festhalten, sonst falle ich aus meinem Haus heraus. “ Also hielt Fini das Cello ganz behutsam fest, dann hob sie es aus seinem Haus heraus.

Wie schön, wie wunderschön es war! Sein Körper war aus Holz, ganz leicht und weich, er schimmerte rotbraun, glänzte. Ja wie? ja, es war so als wäre soeben die Sonne aufgegangen – und Fini wurde es ganz warm , wenn sie es nur anschaute, es war einfach wunder, - wunderschön! Sie konnte sich gar nicht sattsehen. Sanft streichelte sie das Instrument – die Saiten, den Corpus mit den Löchern … aber was war das da unten für ein spitzes Ding? Fast hätte sich Fini gestochen. “ Das ist ein Stachel, den kann man herausziehen, damit ich mich festhalten kann auf dem Fussboden – denn wenn ich wegrutsche, kannst du nicht mehr spielen oder willst du mit mir ’Hasch mich oder ich bin der Frühling!’ spielen?”

Das wollte Fini natürlich nicht, also liess sie sich von dem Cello erklären, wie man mit diesem spitzen Ding umging- und da fiel ihr auch der alte Mann aus dem Konzert wieder ein: Stimmt, bevor er überhaupt angefangen hatte zu spielen, hatte er aus dem Bauch des Cellos einen glänzenden Stift hervorgezogen. Fini damals, neugierig wie sie war, wollte gerne wissen, was das sei. Aber die Erwachsenen hatten immer nur “pscht! pscht!” gemacht – und eine spitznasige Dame mit einer riesengrossen Brille hatte sich empört umgedreht: ”Können Sie denn das Kind nicht zum Schweigen bringen! Überhaupt – Kinder haben im Konzert nichts zu suchen … und wenn schon, dann sollen sie den Mund halten!” –Oh, hatte sich Fini damals gefürchtet, so eine böse Person! Aber sie stellte lieber keine Fragen mehr, damit sie wenigstens bleiben durfte. Und so waren viele Fragen unbeantwortet geblieben.   

“Du musst jetzt noch den Bogen herausnehmen!|” unterbrach eine weiche energische Stimme Finis ehrfürchtige Betrachtungen und die weniger ehrfürchtigen Erinnerungen.

Bogen? Aber wo und was war ein Bogen? Fini fiel das Konzert wieder ein. Der alte weisshaarige Mann hatte einen Stab in der Hand gehabt, den er über die Saiten hin – und herschob, einmal schneller, einmal langsamer, dazu hatte er auch die Finger der einen Hand auf und niederbewegt.

“Du bist aber nicht sehr aufmerksam!” Schon wieder wurde sie kritisiert, aber woher sollte sie denn das alles wissen. Sie hatte doch noch nie in ihrem Leben ein echtes, leibhaftiges Cello in der Hand gehabt. Fini begann sich ein bischen zu fürchten, aber nur ein bischen. Wie sollte sie das alles jemals lernen!

“Brauchst dich nicht zu fürchten, du dummes Ding! Das kannst du alles lernen, wenn du willst, aber üben musst du, sehr viel üben!”

Fihhhhhhhhhhhhhh! Schon wieder üben! Aber eines wusste Fini schon jetzt- mit dem Cello würde ihr das Üben sogar Spass machen, denn sie konnte damit überall hingehen, sie musste nie wieder allein in einem kalten Zimmer vor schwarz-weissen Zähnen sitzen, die sie höhnisch angrinsten – und ihr drohten – na warte nur, wenn du nicht gut übst, dann beissen wir dich! Aber erst einmal musste sie diesen verflixten Bogen finden.

“ Mein Gott! Sei doch ein bischen neugieriger! In der Klappwand, an der Seite findest du ihn! Warum schaust du denn nicht einmal wirklich ordentlich in diesen roten Kasten, in mein Haus hinein!”

Und so fand Fini endlich den Bogen! Sie fand aber noch sehr vielmehr ! Saiten, ein Tuch und ein kreisrundes dunkelbraunes hartes Stückchen, das in einem Säckchen steckte …”das ist das Collophonium, das brauchst du für den Bogen “flüsterte das Cello geheimnisvoll. “Damit ich ganz besonders schön singen kann … und jetzt nimm dir einen Hocker und versuch es erst einmal, du wirst sehen, es ist ganz einfach anzufangen…du klemmst mich zwischen deine Knie, sitz bitte gerade und nimm den Bogen in die Hand setz ihn flach auf die Saiten auf, sonst quietscht es … und dann streichst du ganz ruhig über die Saiten. Einmal schiebst du den Bogen aufwärts und dann ziehst du ihn abwärts.” Fini nickte. Da kam schon wieder eine Frage: “Weisst du eigentlich, wie die Saiten heissen ?”

Fini schüttelte etwas eingeschüchert den Kopf. “Ach– Du – Grosses Cello! Das wirst du dir doch merken können. Und dann brauchst natürlich einen Lehrer oder eine Lehrerin – ohne die gehts nicht !”

Fini verstand zwar kein Wort, aber sie tat, was ihr das Cello aufgetragen hatte. Sie suchte sich einen Hocker, dann klemmte sie das Instrument zwischen ihre Knie, genau so wie es ihr das Cello ansagte – uff, war das aber schwierig, bis das Cello endlich mit Finis Sitzhaltung zufrieden war – und wozu musste sie auch noch gerade dabei sitzen. Krummer Rücken war doch viel bequemer!

Da wurde das Cello ganz ungehalten: “Wenn du nicht gerade sitzen willst, dann lasse es lieber gleich bleiben! Wie willst du denn atmen, wenn du immer so gekrümmt sitzst! Und ausserdem du wirst sehr müde, wenn du immer mit einem Buckel spìelst! Du bist doch keine Katze!”

Also mühte sich Fini damit ab gerade zu sitzen, aber dabei auch noch ganz entspannt zu sein - das kam ihr doch sehr schwer vor!

“So! jetzt darfst du den Bogen in die Hand nehmen … und das geht so …!” Fini griff nach dem Bogen. “Halt! Den musst du erst spannen, dann mit dem Colophonium einreiben, ganz vorsichtig und nicht zuviel – wenn du glaubst, es ist zuviel, dann schüttelst du den Bogen.” – Das Cello war aber sehr anspruchsvoll. Schon wollte Fini sagen, dass es doch einfacher wäre sich ans Klavier zu setzen, die Noten aufzuschlagen und die Tasten niederzudrücken. “Aufgeben gilt nicht! Sei nicht so bequem! Du wolltest es doch so … und deswegen  bin ich zu dir gekommen! “ Fini war etwas geknickt, etwas beschämt – das Cello hatte schon recht, so schnell aufgeben, war eigentlich ihre Sache nicht. Aber das Cello hatte sie doch ein bischen eingeschüchtert ….

UFF, dachte sie dann, als sie endlich zur Zufriedenheit des Cellos richtig sass, auch den Bogen schon oder fast ganz richtig hielt - ganz schön kompliziert und umständlich, bis sie sass, die richtige Haltung hatte – also so schwierig hatte sie sich das wirklich nicht vorgestellt. Bei dem alten Mann hatte das alles ganz einfach ausgesehen …und bevor Fini dem Instrument auch nur einen Ton entlocken konnte, musste sie sehr viel Geduld haben – und das war das erste, was sie von ihrem Cello lernte – Geduld haben.

War sie einmal ungeduldig und unwillig, dann wurde das sonst so fügsame und sehr liebenswürdige Instrument sehr ungnädig. Es kratzte, es jammerte zum Steinerweichen, es weigerte sich überhaupt einen schönen Ton von sich zu geben. Erst wenn Fini nachgab, das Instrument wieder liebevoll behandelte, gelang ihr wohl auch der eine oder andere schöne Ton. Das Cello liess sich bitten … es wollte gestreichelt und umworben sein. Immer wenn Fini aufhörte zu üben, bevor sie ihr Cello schlafen legte – “ich muss ihm endlich einen Namen geben!” murmelte Fini vor sich hin. Da kam aus den vier Saiten eine sanfte Stimme  “… du brauchst mir keinen Namen geben, ich heisse so wie du!” Fini wollte es nicht glauben! Wieso hiess das Cello so wie sie - Serafina?

“Sei nicht so ungläubig, du dummes Kind.Schau doch einmal in die Hefte hinein, die ich dir mitgebracht habe, da steht alles drin. Ich heisse Serafino! Weisst du, wie mich mein Meister gebaut hat, das war sehr, sehr anstrengend damals, hat er mir eben seinen Namen gegeben. Damit man weiss, wo ich herkomme.”

”Und wo kommst du her?” wollte Fini wissen. “Ich komme aus Venedig, und ich bin auch schon sehr alt … aber deswegen habe ich es noch immer nicht verlernt, wie man singt! Also, du darfst mich Nino nennen, wenn dir das Serafino zu lang ist.”

   Diesen Vorschlag fand Fini richtig gut, denn sie mochte schon ihren Namen nicht … der klang irgendwie dumm, war zu lang und so schrecklich heilig. Und Fini war so gar nicht heilig. Wenn sie nicht gerade übte oder sich sonstwie mit Musik beschäftigte, dann war sie wie alle anderen kleinen Mädchen auch: neugierig, eitel, kokett, sehr verspielt, und sie lachte so gern. Und sie fand faul sein ganz wunderbar  – da konnte sie träumen, nur meistens liess man sie nicht; wann immer sie träumte, wurde sie aufgescheucht- “tu was” hiess es dann kategorisch. “Lern lieber, damit was aus dir wird!”

  Fini tat dann so als lernte sie,  … flüchtete nun meistens zu ihrem Cello. Das war dann ganz besonders nett zu ihr, es tröstete sie mit seinen schönen Tönen – und wenn Fini aufhörte , weil sie schon müde war, dann ging es ihr aber immer sehr sehr gut – nur das aufhören, das fiel ihr schwer. Immer, wenn sie zu lange geübt oder gespielt hatte, dann tat ihr alles weh, der Rücken, die Finger … und auch wenn sie vor Müdigkeit eigentlich nicht mehr konnte, dann spielte Fini ihrem Cello ein Schlafliedchen vor, es war das erste Stückchen, dass sie fehlerlos spielen konnte: “Guten Abend, gute Nacht !” … und damit legte sie ihr Cello schlafen. Und womit sollte sie es am nächsten Tag wieder aufwecken? Fini geriet ins Grübeln. Tonleitern? wie es der Lehrer zum Aufwärmen immer ansagte? – nein das gefiel Fini gar nicht! Es musste etwas sein, das das Cello liebte, dass es zum Singen brachte …  was konnte das denn bloss sein ? Nach langem Suchen fand Fini auch eine Lösung für dieses Problem – ….

“Auf Flügeln des Gesanges …”, das war’s!

Finis Entzücken  mit dem Cello kannte keine Grenzen – das Instrument hatte unter ihren Fingern wieder angefangen zu singen, sie hatte es aufgeweckt, es hatte eben zu lange geschlafen - und es sang ganz besonders schön… mit einer weichen warmen Stimme … Und das  Üben? Fini wusste gar nicht mehr, was das war ÜBEN? Was war das denn ?  – es machte einfach Spass, das Instrument zu spielen, egal was,  Tonleitern, Fingerübungen, Doppelgriffe, legato, nonlegato und was es dergleichen schwierige Dinge für ihre kleinen Hände noch mehr gab,  – selbst wenn ihr nicht immer alles auf Anhieb gelang. Unermüdlich, jeder richtige Ton, jede richtige Phrase, jeder Takt, war für Fini mehr als ein Erfolg. Es war ein Sieg, ein kleiner Triumph, es war ein Geschenk. Ein Geschenk, das ihr das Cello machte, auf das sie so lange hatte warten müssen. Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen wie das gewesen war als sie noch Klavier spielen musste und es kein Cello gab. Sie war einfach glücklich.

Einziger Wermutstropfen – ihr Lehrer. Nie war er zufrieden, nie gab es auch nur das kleinste Lob! Wie gerne hätte Fini einmal gehört – das hast du aber schön gespielt … Aber selbst nicht einmal davon liess sich Fini  entmutigen – ganz anders als damals beim Klavierunterricht. Und eines Tages war Fini soweit, dass sogar der strenge Lehrer meinte, jetzt darfst du anderen mit deinen Klängen Freude machen. Sing ihnen was vor!

Und das tat Fini auch, sie legte ihr kleines Herz in jeden Ton, jetzt war es soweit, sie konnte Klang – nein Musik machen! Sie liess das Cello singen und singen – und das Cello lächelte still in sich hinein, und während es so sang, dachte es bei sich: wie gut, dass ich das  Klavier dazu überreden konnte abzureisen, sich doch lieber ein anderes Kind für seine 88 schwarz-weissen Tastenzähne zu suchen, ein Kind, das nur Klavier spielen wollte und nichts anderes. Und dann war das Klavier auch noch so freundlich gewesen, mir den Weg zu Fini zu zeigen. Die weite Reise hat sich gelohnt, Fini ist glücklich – und ich …, ja ich bin auch glücklich !

Olevano, Ferragosto 2007